Theaterspiel(en) als Medium

... der Sozialisation und Persönlichkeitsbildung

Referat gehalten bei der Tagung der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (BKJ)
am 6. 12. 2001 in Bonn


Wir kulturellen Bildungsarbeiter haben es ja schon immer gewusst: Mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, die unsere Angebote wahrnehmen, die sich kulturell bilden durch kulturell tätig sein – und ich spreche hier insbesondere vom Rollenspiel, vom Theaterspielen - passiert etwas, sicherlich auf der Ebene ihres künstlerischen Ausdrucksvermögens, aber zu oft als dass es zufällig sein könnte, haben wir schon Veränderungen an ihnen wahrgenommen, die darüber hinaus gehen und die eher auf einer persönlichen Ebene sich manifestieren: stärkeres Selbstbewusstsein, gesteigerte Empathie, erhöhte kommunikative Kompetenz, verbesserte Position in der Gruppe, im Ensemble, gereifte Teamfähigkeit...

Raimund Finke und ich haben für den Bundesverband Theaterpädagogik im Rahmen des BKJ-Modellprogramms „Lernziel Lebenskunst“ eine Pilotstudie unternommen, die über die bloße Beobachtung und subjektive Einschätzung der Wirkungen von Theaterspiel hinausgehen sollte. In einer Literaturrecherche mussten wir – erwartetermaßen – feststellen, dass im deutschsprachigen Raum keinerlei empirisch-wissenschaftlichen Kriterien genügende Arbeiten zu dieser Thematik vorliegen. In unserer Studie führten wir auf der Grundlage eines entwickelten Fragenkatalogs narrative Interviews mit 48 Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch, die in 7 verschiedenen Theatergruppen – bundesweit - unterschiedlich lange mitspielten. Vor den Einzelinterviews arbeiteten wir mit der jeweiligen Gruppe in so genannten Reflexions-Workshops, um die Teilnehmenden für die Thematik zu sensibilisieren. Die in den Interviews gewonnenen Daten wurden nachträglich entwickelten Kategorien zugeordnet, ausgezählt und im Hinblick auf Alter und Geschlecht miteinander korreliert. Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse, versetzt mit Aussagen der Jugendlichen.

1.Auf die allgemeine Frage nach der besonderen Qualität des Theaterspielens insgesamt bzw. in der jeweiligen Gruppe wird von rund jedem/r zweiten Befragten die kommunikative Funktion des Spielens vor und für Publikum, die Möglichkeit zur Verwandlung und das besondere Gruppengefühl hervorgehoben, weiterhin – wenn auch nicht ganz so häufig – die Möglichkeit der Entlastung vom Alltag und der beim Theaterspielen erlebte Spaß sowie – noch etwas seltener, aber dennoch eindeutig – das erfahrene persönliche Wachstum und die Teilhabe an Kunst bzw. der Erwerb künstlerischer Fähigkeiten.

Ich zitiere beispielhaft:

Ich find’s wichtig, dass die Leute Spaß haben und genießen,
dass traurige Menschen von alltäglichen Problemen abgelenkt werden und glücklich sind.
Vielleicht sehen die Leute im Theater dann, dass es auch noch schlimmer kommen kann.
Und wenn sie dann drüber lachen können, das finde ich gut.
Svesdana, 15 Jahre

Wenn ich in eine andere Rolle gehe, das ist irgendwie Urlaub von mir selbst.
Samantha, 17 Jahre

Auf der Bühne, da hab’ ich Macht, weil da alle auf einen gucken. Es macht schon Spaß, wenn man die Leute zum Lachen bringen kann und zum Trauern.
Jasper, 14 Jahre

2.Bei der Frage nach wahrgenommenen persönlichen Veränderungen, die im Zusammenhang mit Theaterspielen gesehen werden, nennt jede/r zweite Jugendliche gesteigertes Selbstvertrauen/ Selbstbewusstsein und in etwa gleich häufig gesteigerte Kreativität und Ausdrucksfähigkeit, rund jede/r dritte eine spannungslösende, kathartische Wirkung des Theaterspielens und das Erleben, Überwinden und Erweitern von Grenzen. Etwa jede/r vierte Befragte benennt einen Zuwachs an Sensibilität und Aufmerksamkeit und/ oder auch an Spontaneität und Impulsivität.

Originalton Jugendliche:

Theater kann heilen durch die intensive Auseinandersetzung mit der Rolle, denn das ist immer eine Auseinandersetzung mit mir selbst.
Alrune, 18 Jahre

Ich habe seit Jahren nicht geweint, also, ich denke, ich kann nicht gut weinen. Aber hier, also, hier will ich das wieder lernen.
Mirek, 28 Jahre

Ich habe Geduld gelernt und Ruhe und weiß, wofür das gut ist... Diese Veränderungen wären vielleicht auch ohne Theater gekommen, vielleicht etwas später, aber ich bin froh, dass sie durch’s Theater gekommen sind.
Pandora, 16 Jahre

3.Ungefähr jede/r zweite Befragte bestätigt einen Zusammenhang von Theaterspielen und Glücksempfindung: in der Reihenfolge der Nennungshäufigkeiten stellt sich das Glücksgefühl ein aufgrund positiver Publikumsreaktionen, Stolz auf die eigene Leistung, bei Nachlassen des Lampenfiebers, in Flow-Momenten und als besonderes Gruppenerlebnis.
Theater kann manchmal so glücklich machen, dass man es kaum noch aushält mit dem Applaus und allem. Wenn man sieht, dass man was geschafft hat, und das Stück ist was, da ist was von mir drin..., wenn viele Leute auf einen zukommen und sagen, wie toll es war...
Frauke, 18 Jahre

Glücksmomente? – Ja, auf jeden Fall. Wir haben schon mal ein müdes Publikum zum Singen gebracht.
Sigi, 32 Jahre

4.Rund ein Drittel der Befragten stellt bei sich in Bezug auf Veränderungen des sozialen Erlebens eine Verbesserung der Fähigkeit zur Empathie fest, etwa ein Viertel eine Erweiterung des persönlichen Rollenrepertoires, und zwar ausdrücklich durch Erfahrungen im Rollenspiel.

Das ist im Theater anders als in den anderen Künsten: Man erlernt Teamfähigkeit und miteinander kommunizieren zu können. Man lernt Kritik einstecken, man lernt im Theater für das soziale Leben hinzu.
Anne, 22 Jahre

Was ich gut finde an der Gruppe? – Dass ich mich verändere.
Samantha, 17 Jahre

In Theatergruppen sind die Menschen aufgeschlossener, interessanter. Zwischenmenschliche Kontakte sind hier eher ein Miteinander.
Maria, 18 Jahre

5.Theaterspielen hat bei den befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen so gut wie keine Relevanz im Hinblick auf die Findung von „Sinn“ oder die Entwicklung einer Perspektive, von Orientierung oder auf den spielerischen Entwurf von Utopien/ fiktiven Lebenswelten.

In der theaterpädagogischen Literatur wird gelegentlich der Hinweis angebracht, und Wilhelm Schmidt - einigen von uns wahrscheinlich bekannt als der Philosoph der Lebenskunst - formuliert es auch explizit als Potenzial des Theaterspiels, nämlich: Rollenspiel/ Theaterspiel ermögliche die Entwicklung von Sinnstiftung und utopischen/ fiktiven Lebensentwürfen. Für diese These konnten wir – so plausibel sie uns auch erscheinen mag - keine Bestätigung finden.

6.In der altersabhängigen Sichtung der Ergebnisse fällt auf: Je älter die Befragten, desto eher bestätigen sie einen Zuwachs an persönlichem Wachstum durch Theaterspielen. – Jüngere Jugendliche wollen tendenziell eher Freude vermitteln, ältere eher zum Nachdenken anregen. – Eine Steigerung des Selbstvertrauens wird tendenziell eher von jüngeren Befragten bekundet.

7.In der geschlechtsspezifischen Auswertung der Angaben erscheinen folgende Befunde interessant: Weibliche Jugendliche betonen eher als männliche den Spaß, den Theaterspielen vermittelt, eher das besondere Gruppengefühl, das sie mit der Gruppe verbindet und eher den Effekt eines allgemein gestärkten Selbst.

Zum Abschluss der Ergebnisse noch ein Bonmot, das irgendwie sehr beruhigend wirkt und von großer Lebensweisheit zeugt:

Man kann nichts falsch machen. – Birthe, 16 Jahre

Kunsterfahrung als Kristallisationspunkt für Lebenserfahrung, Theater ist nicht nur eine besondere Einheit im wöchentlichen Schul- oder Freizeitstundenplan, Theaterspielen wird vielmehr für viele der von uns befragten jungen Menschen zu einem integrierten und integralen Bestandteil ihres Lebens.

Lebenskunst – Leben und Kunst. Der Begriff spannt den Bogen über ein dialektisches Wechselverhältnis. Bezogen auf unser Metier, die Kunstform Theater, ergibt sich daraus: Theater spiegelt das reale Leben, zeigt in einer ästhetisierenden Weise Menschen in ihren Beziehungen, Verwicklungen, Konflikten, in Machtstrukturen, in persönlichen, sozialen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen – wir können uns im Theaterstück wiederfinden. Andererseits, da Theaterspielen für viele der Jugendlichen unserer Untersuchung - und wohl auch allgemein - als Bestandteil ihres Lebens anzusehen ist, sie als in ihrer Ganzheit geforderte Personen natürlich nicht ihre Befindlichkeiten, Gefühle, Wünsche nach Anerkennung, ihre Frustrationstoleranz, ihre Vorgeschichten und ihre Perspektiven vor der Probe an der Garderobe abgeben, wirkt sich Theaterpielen als Impulsgeber für individuelle Lebensläufe aus, ist das aktive Theatererleben eine der Quellen, die das Leben junger Menschen mit formen. - Das Leben ist Gegenstand des Theaters, und Theater, in einer Theatergruppe mitzuspielen, wird zum Gegenstand des Lebens.

Ich selbst bin einer der Dozenten, die für den Drogeriemarkt dm im Rahmen der betriebsinternen Ausbildung das „Abenteuer Kultur“ – einem ganz wesentlichen Bestandteil der Ausbildung neben der Arbeit in der Filiale und dem Besuch der Berufsschule - erlebbar machen. dm hat erkannt, dass „der wirtschaftliche Auftrag des Unternehmens eine kulturelle Grundlage hat“ und dass die Menschen, die das Unternehmen nach außen hin in den Filialen repräsentieren und in Kontakt mit den Kunden sein werden, insbesondere Theater als Medium kennen lernen sollen, das eben besondere Erfahrungen, Erlebnisse und Ergebnisse durch Teilnahme an kreativen Gruppenprozessen, durch Spiel in „als ob“-Situationen und geforderte Echtheit/ Authentizität in Performances zeitigen kann – Kategorien, die sich auch in der Ergebnisliste unserer Untersuchung finden.

Ich habe einige Schlüsselkompetenzen genannt, die die jungen Menschen unserer Pilotstudie selbst an sich wahrgenommen haben. Es bedürfte nun einiger weiterer Untersuchungen, eines differenzierteren Untersuchungsdesigns, Kontrollgruppen, Langzeit-Beobachtungen etc., um diese Befunde zu stützen. - Aber das ist ein anderes Kapitel.


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