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Familienbildung |
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... mit Herz und Hand, Fuß und Verstand Heinz-D. Haun
Wir bieten keine Töpferkurse an, laden nicht zur Ikebana-Fortbildung noch singen wir das ganze Wochenende fröhliche oder melancholische Lieder; wir treffen uns nicht zur Erarbeitung eines Theaterstücks, mögen darüber hinaus nicht eine Woche durchs Gelände toben, qualifizieren nicht zu basalen handwerklichen Fertigkeiten; auch pflegen wir nicht das reine Gespräch oder die alleinige meditative Versenkung. Wohl aber kann all dies Platz haben in unseren Veranstaltungen und hat Platz neben jeweils anderen Aktivitäten, die - dem aktuellen Thema und Inhalt angemessen - zu einem mehrdimensionalen und multimedialen, abwechslungsreichen und einigermaßen farbigen Gesamtarrangement komponiert sind.
Einige Beispiele wollen wir uns genauer anschauen.
Eine Familienfreizeit. Kinder und Eltern sitzen zu Beginn in einem großen Kreis, die veränderte Raumgestaltung schafft ein einigermaßen fremdes Ambiente und lässt erahnen, dass es im Folgenden um etwas Ungewohntes, möglicherweise Spektakuläres gehen wird. Und richtig: was gleich beginnt, ist T_h_e_a_t_e_r, ist das "Hereinbringen einer anderen Realität, einer anderen Welt" in unsere ganz normale, gewohnte, unspektakuläre Gymnastikhalle.
Es beginnt mit hintergründiger Trommelmusik. Ein Versammlungstuch wird feierlich-zeremo-niell in der Kreismitte ausgebreitet; die Erläuterungen lassen Kinder, Jugendliche und Erwachsene erkennen: wir sitzen hier - vergleichbar einem indianischen Stamm - und erzählen uns die alten Geschichten von der Welt - von der Welt wie sie war, wie sie ist und wie sie sein wird ...
Ein indianisches Begrüßungslied wird vorgesungen und sogleich - durch Zuhören - gelernt und mitgesungen. Zum Lied gehört eine einfache Choreographie - auch der Tanz ist schnell gelernt. Es folgt ein kurzes Theater-Vorspiel, das in die vorgegebene Thematik einführt: Feuer, Wasser, Erde, Luft.
Den Kernpunkt der gesamten Einheit bildet der nächste Schritt: alle Teilnehmer, Eltern wie Kinder, bauen - im Groben vorbereitete - Masken aus Wellpapp-Karton, bemalen sie und schmücken sie mit verschiedenen Materialien. "Natürlich" wird mit den Masken anschließend gespielt: eine angeleitete Improvisation - mehrere von Kleingruppen simultan gespielte Szenen. Die gesamte Theaterspielaktion schließt ab mit dem bereits bekannten Tanzlied, das durch das zwischenzeitliche Geschehen allerdings einen veränderten, dramaturgisch weit interessanteren Stellenwert bekommen hat ...
Noch vor der Pause treffen sich die älteren Kinder, die Jugendlichen und Erwachsenen zu einem reflektierenden Gespräch, derweil die jüngeren Kinder draußen weiter mit ihren Masken spielen.
Eine weitere Familienfreizeit. Nach einem bewegten und aufmunternden Einstiegsspiel und einem zum Thema gut passenden Lied entscheiden sich alle für eine der angebotenen Untergruppen.
Bei unserem Rundgang durchs Haus können wir sie im Spiel und bei der Arbeit erleben: Im Werkraum etwa wird gesägt und geschliffen, angepasst und geleimt, gebohrt und holzverdübelt; der Bauplan wird heftig diskutiert, die Verabredung zum Weiterbau während der Siesta wird zehn Minuten nach Beginn der Mittagspause getroffen. - Über mehrere Tage hinweg wollen Eltern und Kinder gemeinsam Harfen bauen, die - etwa halbmetergroß - in verschiedenen Tonleitern exakt gestimmt werden können.
Eine andere Gruppe befasst sich mit ganz anderen Klängen: den Klängen der Worte nämlich. Konkrete Poesie von Kurt Marti inspiriert Jugendliche und Erwachsene zu einer Übersetzung der Worte in Bewegung und zu eigenen Worterfindungen. Ging es hierbei um Lautmalerei in der Dichtung, so beschäftigt sich eine dritte Gruppe mittels Pinsel und Farbe mit den Klängen von rot, blau und grün. Musik, die Kunst in der Zeit, wird zur Malerei, der Kunst auf der Fläche, im zwei- bis dreidimensionalen Raum ...
Die letzte Gruppe hat's nicht im Haus gehalten. Sie hockt am Waldesrand und heckt eine Reihe kniffliger Hör-Spiele für die für den nächsten Tag vorgesehene, seit Jahren schon obligatorische Spiele-Ralley aus.
"Klänge" hieß für alle das Thema - klingen tat es sehr unterschiedlich. Und die "Stimmung" unterschied sich ebenfalls.
Das dritte Beispiel führt uns zu einer Veranstaltung für Väter mit ihren Kindern: das Wochenende stand unter dem Thema: "Riesen und Zwerge". Aus der Programmübersicht zu einem dieser Tage entnehmen wir, dass die Teilnehmer des morgen bereits mit Siebenmeilenstiefeln durch den Raum marschiert sind, sich auf Zehenspitzen hochgereckt und sich im "Kleiner Mann-Gang" begrüßten, dass sie dann später Märchen gehört und erzählt haben, Stabmarionetten als zipfelmützig-zwinkernde Zwerge und Pappmasken mit Zottelhaar als riesige Riesen gebaut und mit beiden Figurenarten gespielt haben und dass die Väter zu späterer Stunde sich im Gespräch der Frage näherten, wann sie sich in ihrem Leben stark fühlten und fühlen bzw. wann sie sich vergleichsweise ohnmächtig und schwach empfinden.
Wir wollen dem geneigten Leser und der geneigten Leserin nicht jenes Märchen vorenthalten, das an jenem Wochenende besonders die Kinder stark beeindruckt hat:
"Der selbstsüchtige Riese" von Oscar Wilde
Es war einmal ein Riese, der hatte einen Garten, in dem die Sonne immer schien, die Vögel sangen und herrliche Bäume wuchsen. Exotische Blumen blühten darin, und die warme Luft war von ihrem Duft erfüllt.
Eines Tages begab sich der Riese auf einen kurzen Besuch (sieben Jahre) zu seinem Freund, dem Oger, nach Cornwall. Da entdeckten die Kinder den Garten und spielten darin. Da niemand sie störte, kamen sie auch an den folgenden Tagen und machten sich das herrliche Fleckchen bald völlig zu eigen. Stunde um Stunde spielten sie dort und hörten nur auf, wenn es Zeit war, zu Bett zu gehen. Als sieben Jahre herum waren und die beiden Riesen einander nichts mehr zu sagen hatten, kehrte der Riese, dem der Garten gehörte, heim. Er war ein selbstsüchtiger Riese, und darum freute ihn der Anblick der vielen Kinder in seinem Garten gar nicht. Er umgab ihn mit einer hohen Mauer und hängte ein Schild daran, auf dem stand: "Betreten verboten!" Die Natur war mit diesem Stand der Dinge nicht einverstanden. Als der Frühling ins Land kam, vergaß er den Garten des Riesen. Ringsherum sprangen die Knospen, Frühlingsblumen lugten aus dem Grase hervor, und die Sonne schien warm; im Garten des Riesen aber blieb es Winter. Die Bäume waren schneebedeckt, die Luft war schneidend kalt, und der Nordwind heulte. Der Riese wunderte sich, warum der Frühling in diesem Jahr so lange auf sich warten ließ. Jeden Morgen, wenn er erwachte, schaute er traurig aus dem Fenster und dachte daran, wie schön sein Garten einmal gewesen war. Da entdeckte er eines Tages etwas Merkwürdiges, als er wieder aus dem Fenster schaute: Durch ein Loch in der Mauer waren einige Kinder gekrochen. Sie waren auf die Bäume geklettert, und jeder Ast, auf dem ein Kind saß, blühte. Sogar die Sonne versuchte zu scheinen. In einer Ecke des Gartens aber herrschte noch tiefster Winter. Dort stand unter einem schneebedeckten Baum ein kleiner Junge und weinte bitterlich, während er in die Zweige über sich aufschaute. Der Baum winkte ihm, hinaufzuklettern, und streckte ihm einladend die Zweige entgegen, aber der kleine Junge konnte sie nicht erreichen. Da erweichte sich das Herz des Riesen, und er trat hinaus, um dem Kinde zu helfen. Sobald die anderen Kinder ihn sahen, flohen sie erschreckt, und der Winter kehrte in den Garten zurück. Der kleine Junge hatte in seinem Kummer den Riesen nicht bemerkt. Dieser trat leise hinter ihn, hob ihn auf und setzte ihn behutsam auf einen Ast. Und sogleich stand der Baum in voller Blüte. Das Kind gab dem Riesen vor Freude einen Kuss. Als die übrigen Kinder sahen, dass er nichts Böses tat, kehrten sie in den Garten zurück, und mit ihnen kam der Frühling ...
Jahre vergingen. Jeden Tag kamen Kinder, um den Riesen zu besuchen, der inzwischen zu alt geworden war, um noch selbst zu spielen - er saß einfach da und war glücklich, während er ihnen zuschaute. Eines Tages aber, als die Kinder wie gewöhnlich zum Spielen kamen, fanden sie den Riesen tot im Garten liegend und mit einer Blumendecke bedeckt ...
aus: David Larkin u.a.: Das große Buch der Riesen, Oldenburg 1980
Die Beispiele mögen einen ersten Eindruck davon geben, dass wir ein Thema immer über den Zugang durch verschiedene Medien zu erschließen anbieten und dass die Wahl der jeweiligen Medien sich z.T. auch aus der Besonderheit des Themas ergibt. In den Beispielen wird darüber hinaus aber auch schon erkennbar, dass sich prinzipiell zwei verschiedene Arrangement-Formen zur Kombination verschiedener Medien anbieten:
> Wechsel von einem Medium in ein anderes im zeitlichen Nacheinander. Hierbei kommen (alle) Teilnehmer mit verschiedenen Medien in Kontakt. > Entscheidung der Teilnehmer für ein spezielles Medium neben zeitgleich anderen angebotenen Medien. (Hierbei kommen die Teilnehmer mit ihrer Entscheidungsbereitschaft in Kontakt.)
Verschiedene Arrangementformen medialer Differenzierung
Unsere Veranstaltungen verstehen sich als Angebote, in denen soziale Lernprozesse im Vordergrund stehen: Spiele und Aktivitäten, die man nur in Gemeinschaft pflegen kann bzw. deren Sinn sich gerade daraus ergibt, ihnen gemeinsam nachzugehen. Dennoch erschöpft sich das Gesamt der eingesetzten Medien nicht in Gemeinschaftsaktionen, sondern umfasst ebenso Bereiche, in denen eher die eigene Wahrnehmung, das selbst Erfahrene, das individuelle Gestalten und Schaffen wichtiger sind als die Tatsache, dass man diese Erlebnisse evtl. zeitgleich und im gleichen Raum mit anderen teilt.
Wir möchten im nächsten Schritt einen vollständigeren Überblick über eingesetzte Medien geben als dies mit den eingangs aufgeführten Beispielen beabsichtigt war, und differenzieren dabei
verschiedene Sozialformen medialer Vielfalt.
> Vorwiegend gemeinschaftlich relevante Erfahrungsfelder:
Kreistänze Gruppenspiele simultanes Rollen-/ Theaterspiel musikalisches Ensemblespiel Raumgestaltungen Essen und Feiern vorbereiten Essen Feiern Gespräche, Reflexionen Planspiel Themenzentrierte Interaktion Bibliodrama Sportliche Akti itäten Lieder, Spiellieder, Tanzlieder Rituale Gestaltungen in der Natur (z.B. Anlage eines Fußsohlen-Sensibilisierungspfads; Anlage eines begehbaren Labyrinths) Gestaltung von Gottesdiensten und Andachten
> Vorwiegend individuell relevante Erfahrungsfelder:
Erlebnis der Natur Meditation Entspannung und Massage Malen (nach Musik) Phantasiereisen Arbeit mit Texten Bewegungserfahrung Musikhören Bau von Musikinstrumenten Bau von Puppen, Schattenfiguren und Masken Handwerkliche Arbeiten
Nur wenige Menschen wollen über längere Zeit für sich alleine sein: Künstler, Schamanen, Naturbegeisterte, spirituelle Einsiedler ...Viele müssen länger für sich alleine sein als ihnen lieb ist - Menschen, die sich isoliert und vereinsamt fühlen. Als sozial angelegtes Wesen verlangt der Mensch im Allgemeinen nach sozialem Feed-back, Begegnung und Austausch mit anderen, nach Anregung und Anerkennung seiner Einzigartigkeit. Im Allgemeinen wird unser Alltagsleben durch eine wie auch immer geschüttelte Mischung von Allein-Sein und Gemeinsam-Sein beschrieben werden können, die z.T. von äußeren Gegebenheiten bestimmt wird, z.T. unserem eigenen Bedürfnis entspricht und durch unsere Entscheidungen real wird.
In Bildungsprozessen, wie wir sie in Haus Nordhelle initiieren, gehen wir davon aus, dass wir auch unter diesem Gesichtspunkt ausgewogen sein wollen. Individuelle wie gruppenbezogene Lernprozesse sollen gleichermaßen bei der Auswahl verschiedener Medien vertreten sein. Mediale Vielfalt in den Arbeits- und Spielformen offeriert somit individuelle Erfahrungen, die manchmal für sich behalten werden dürfen, manchmal anschließend mit anderen geteilt werden können, Erfahrungen der Intimität in einer Paarkonstellation, Erfahrungen in der Vertrautheit von Klein- bzw. Untergruppen und Erfahrungen der relativen Anonymität einer Großgruppe oder - ganz im Gegenteil und für die, die es mögen - das "Bad in der Menge", die öffentliche Selbstdarstellung, die Sicherheit im Auftreten, das Sich-Produzieren im Plenum. Die große Gruppe bietet darüber hinaus zum einen die Möglichkeit, simultan mit den anderen etwas zu tun, zum anderen auch, sich gezielt auf die anderen zu beziehen.
In "medialer Vielfalt" gehen wir mit unseren "Nordhelle-Angeboten" verschiedene Wege, bieten wir den Teilnehmern immer verschiedene Möglichkeiten an, sich einem Thema zu nähern, den "Sinn" dieses oder jenes Themas ganz unterschiedlich zu entdecken.
"Der Weg" und "Der Sinn" - H. Halbfas verweist auf die sehr aufschlussreiche gemeinsame Wurzel der beiden Begriffe: "Etymologisch haben Weg und Wagnis dieselbe Wurzel ... Eine andere Beziehung besteht zu dem Wort Sinn. Das neuhochdeutsche Sinnan ist nicht dem lateinischen sensus entlehnt; es bedeutet eine Fährte suchen, reisen, streben, gehen. Die Wurzel von sinnan ist dieselbe wie dies des germanischen sinba, Reise, Weg." (H. Halbfas: Religionsunterricht in der Grundschule - Lehrerhandbuch 3, Düsseldorf 1990, S. 432) - "Bewegung ist ein zentrales Prinzip der Evolution" schreibt der Biologe J. H. Reichholf ("Erfolgsprinzip Fortbewegung, München 1992) - "Be-Sinnung", den Phänomenen des Lebens eine "Be-Deutung" zu geben, zählt C.G.Jung zu den archetypischen Standards des Menschen. (Bewusstes und Unbewusstes, Frankfurt/Main 1957, S.43)
Mit den Sinnen wahrnehmen, einen Sinn in irgend etwas erkennen, alle 5 Sinne beieinander haben (sofern man nicht "von Sinnen" ist), sich von der rationalen Weltsicht distanzieren und auch einmal dem Un-Sinn Raum gewähren, sinnlich sein dürfen, all das macht - Sinn. Wir fühlen, spüren, denken, schmecken, sehen, hören, riechen, horchen auf, haben Hunger, Appetit und Durst auf etwas bestimmtes, wir sind "im Gleichgewicht", in der Balance, wir erwarten, erhoffen, befürchten etwas, übersehen das Offensichtliche nicht und entdecken ebenso das Verborgene, weil und wenn wir "Sinn" für etwas haben, Sinn, der uns mit der Vielgestaltigkeit der Phänomene dieser Welt in Kontakt bringt und hält und uns den verschwenderischen Reichtum des Lebens genießen lässt.
"Mediale Vielfalt" bedeutet dann ganz selbstverständlich auch, dass das mediale Arrangement möglichst viele Sinne der Teilnehmer anspricht - ihre "Wahrnehmungssinne" , ihre "Sinne für Bedeutungen", die einem Thema zukommen können, und ihre "Sinne für Gestaltung und Ästhetik":
Viel-Sinnigkeit durch mediale Vielfalt
> wenn das Auge augenscheinlich angesprochen ist: Wahrnehmung von Farben und Formen in Kunst und Natur, im Gewöhnlichen das Besondere sehen
Achtung Test!
Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Schneckenhäuser, von der Brücke aus beobachtete Hindernisse im Fluss und die weiteren Bewegungen des Wassers dahinter sowie "die Wetterkarte" miteinander vergleichen? Haben Sie sich schon einmal Holzstücke näher angeschaut, die nach dem Abfließen des Hochwassers am Ufer liegen geblieben sind? Sind Schneckenhäuser hierzulande eigentlich rechts- oder linksrum gedreht? - Läuft Ihr Badewasser denn nun rechts- oder linkswindig ab? In welcher Farbe erscheint der Mond, wenn die Sonne gerade untergeht? Lassen Sie sich mindestens drei weitere Fragen dieser Art einfallen!
> Farb"klänge" sehen: Malen, Gestalten mit verschiedenen Materialien
aus: "Kim" von Rudyard Kipling
... der Mann ... streute aus einer Schublade unter dem Tisch eine Handvoll klirrender kleiner Dinge auf die Platte. "Nun," sagte das Hindukind, eine alte Zeitung schwenkend, "sieh sie dir an, Fremder, solange du willst. Zähle, und wenn nötig, befühle sie. Ein Blick genügt für mich." Er drehte sich stolz um. "Aber wie geht das Spiel?" "Wenn du gezählt und gefühlt hast und sicher bist, dass du sie alle im Kopf behalten kannst, bedecke sie mit diesem Papier, und du musst Lurgan Sahib die Rechnung machen. Ich schreibe die meinige auf." "Oh!" Wetteifer erwachte in Kim. Er beugte sich über die Platte. Nur fünfzehn Steine lagen darauf. "Das ist leicht", dachte er nach einer Minute. Das Kind schob das Papier über die glitzernden Steine und kritzelte in ein Rechnungsbuch, wie es die Eingeborenen gebrauchen. "Es liegen unter diesem Papier fünf blaue Steine - ein großer, ein kleinerer und drei kleine", sagte Kim in vollem Eifer, "vier grüne Steine sind da und einer mit einem Loch; ein gelber Stein, durch den ich hindurchsehen kann, und einer wie ein Pfeifenstiel. Zwei rote Steine sind da und - und - ich hatte fünfzehn, aber zwei habe ich vergessen. Nein! Gib mir Zeit. Einer war von Elfenbein, klein und bräunlich, und - und - gib mir Zeit ..." ... "Hör meine Rechnung!" platzte das Kind, bebend vor Lachen, heraus: "Erstens sind da zwei Saphire mit Flecken - einer von zwei Ruttees und einer von vier, denke ich. Der Saphir von vier Ruttees ist an der Kante abgebröckelt. Dann ist ein turkestanischer Türkis da, glatt, mit schwarzen Adern, und zwei mit Inschriften - der eine mit einem Namen Gottes in Gold, der andere ist quer über gespalten, weil er aus einem alten Ring ist, deshalb kann ich die Inschrift nicht lesen. Nun haben wir alle fünf blauen Steine. Vier fehlerhafte Smaragde sind da; der eine ist an zwei Stellen angebohrt und der andere ein wenig angeschliffen..." „Ihr Gewicht?" fragte Lurgan Sahib gleichmütig. "Drei - fünf - fünf - und vier Ruttes, denke ich. Dann ist ein Stück von altem grünlichem Bernstein da und ein geschliffener Topas aus Europa. Ein Rubin von Burma, ohne Fehler, zwei Ruttes und ein Balasrubin, fehlerhaft, zwei Ruttees. Ein geschnitztes Stück Elfenbein aus China, eine Ratte darstellend, die ein Ei aussaugt, und zum Schluss ist da - ah,ha! - ein runder Kristall, so groß wie eine Bohne, in ein goldenes Blatt gefasst." Er klatschte zum Schluss in die Hände. "Er ist dein Meister", sagte Lurgan Sahib lächelnd...
aus: Hajo Bücken: Kimspiele - Spiele zum Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten, Hören und Denken, München 1984
> wenn wir "ganz Ohr" sind: Wahrnehmen von Klängen und Geräuschen (bewusstes Musikhören, Klänge und Geräusche in der Natur und im Haus, etwa das Sammeln von verschiedenen Klängen des Wassers per Tonband…), das Hören der Stille, Obertöne hören und selber produzieren, Hör(kim)spiele, Musizieren mit Blumentöpfen, Flaschenorgeln, Dosophonen, in Steinbruchorchestern und mit anderen, sogenannt "richtigen" Musikinstrumenten, Texte hören (Sachtexte, Lyrik, Prosa), Sprachspiele (mit dem Klang der Worte oder mit ihrem Zauber, ihrer Magie), hören, was die anderen sagen; wirklich zuhören können
aus: "Momo" von Michael Ende
... Konnte sie vielleicht zaubern? Wusste sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch, mit dem man alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonst wie die Zukunft voraussagen? Nichts von alledem. Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur einer unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf - und er ging hin und erzählte alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich geirrt hatte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Mom zuhören!
>wenn die Zunge zum Zuge kommt: Essen und Trinken - nicht nur zur Nahrungsaufnahme Schmeck-Kim (auch und immer wieder eine beliebte, sehr variierbare Stationsaufgabe beim Geländespiel)
Achtung Test!
Versuchen Sie doch einmal, mit geschlossenen Augen und zugehaltener Nase kleine, Ihnen dargebotene Stückchen von Apfel, Birne, Kohlrabi, Sellerie, einer rohen Kartoffel zu identifizieren. Oder lassen Sie sich verschiedenste Getränke kredenzen, die Sie vorher nicht sehen oder riechen dürfen: Limo, Wasser, Cola, Bier, Kaffee, Rotwein, Weißwein, schwarzer oder Früchtetee. - Wetten, dass Sie vor dem Runterschlucken in den seltensten Fällen wissen, was Sie gerade im Mund haben?
> wofür man eine „feine Nase“ braucht: Düfte unterscheiden und wahrnehmen, Gewürze erriechen, Gerüche in der Natur (morsches Holz riechen, den Wald nach dem Regen beriechen, geführte Naturspaziergänge ...), die Frische der Luft
Achtung Test!
Was schätzen Sie?: Auf wie viel qcm Nasenschleimhaut befinden sich Geruchsrezeptoren? Wieviele verschiedene Gerüche kann eine durchschnittlich begabte menschliche Nase differenzieren? (Lösungen auf der nächsten Seite) Was ist Ihre persönliche Lieblingsduftrichtung: blumig - moschusartig - minzig - kampherartig - ätherisch - stechend - faulig?
(Diese verschiedenen Grundgerüche werden im allgemeinen unterschieden. - Vgl. H. Kükelhaus: Versuchsfeld zur Organerfahrung, Quader Editions, Zürich)
> vom Zupacken, Be-Greifen und vom Fingerspitzengefühl: handwerklich-gestalterische Arbeiten (Puppen-/ Masken-/ Instrumentebau), Basteln (Dekorationen, Lampen...), sich die Hände geben, die Hände spüren, wirklich be-greifen, was ich tue, "Frickelei" - Feinmotorik, die manuelle Geschicklichkeit und Koordination erfordert
> vom Gefühl für den ganzen Körper und vom Ver-Stehen: bei Bewegung und Tanz, bei Körpereindrucks-Übungen, bei Körperausdrucks-Übungen, bei Warm-ups, Sport, Spiele mit dem Gleichgewichtssinn und der Schwerkraft, größere Bauvorhaben (besondere Installationen, Anlage eines begehbaren Labyrinths auf einer Wiese), Erlebnis der freien Natur (der Wind in den Haaren und auf der Haut), Massage, Fußmassage, Gehen als bewusster Vor-Gang; Stehen, Spüren und Ver-Stehen
> von der Be-Sinnung: Gespräche, einer Sache auf den Grund gehen, Meditation, Andacht, Gebet, Gottesdienst, Reflexion, Übertragung von Erlebnissen auf eine intellektuelle Ebene, Bewusstmachen von Bedeutungszusammenhängen
> vom Vorstellungssinn: "den Möglichkeitssinn entwickeln" (Robert Musil), Imagination, Illusion, Zauberei, Phantasiereisen, Theaterszenen entwickeln und spielen, Planspiele, Rollenspiele
> vom Sinn für Ästhetik: "es sich schön machen": Raumgestaltung, aufräumen, Ordnung schaffen, den Raum frei machen für Neues, bildnerisches, plastisches, musikalisches Gestalten (gezielt ausgewogen oder bewusst "ex-zentrisch")
> vom Un-Sinn: ausgelassene Spiele, Tobespiele im Wasser ("Walross"), Blödsinn, Jux, Ulk zweckfreier Spaß
Diese Übersicht wird u.a. auch deutlich gemacht haben, dass die eingesetzten Medien ja durchaus über verschiedene Aktivitätslevel reichen können: von (körperlich) vollkommen passiv (Meditation, Entspannung, Phantasiereise) bis hyperaktiv (Tobespiele, Sport, Geländespiele). Zudem können sie zwischen den beiden Polen " A_u_f_n_a_h_m_e " (Impression/ Eindruck), Rezeption, Wahrnehmung und " W_i_e_d_e_r_g_a_b_e " (Expression/ Ausdruck), Produktion, Gestaltung angesiedelt sein. Wir sind damit zu einem neuen Aspekt medialer Vielfalt gelangt, der nach Möglichkeit ebenfalls ausgewogen repräsentiert sein sollte:
mediale Vielfalt zwischen Wahrnehmung und "Wahrgebung".
Medien stellen sich dar als die Mittler zwischen dem Individuum und der Welt und als Vehikel der Interaktion zwischen Menschen. "Aus der Welt" gehen mediale Impulse aus auf den einzelnen Menschen, die ihn beeinflussen und verändern, die er seinerseits "wahr nimmt". In schöpferischen, kreativen, sprachlichen und körpersprachlichen, alltäglichen und ungewöhnlichen, mündlichen und schriftlichen Äußerungen hat der Mensch seinerseits die Möglichkeit, in seine Umgebung einzugreifen, sie zu verändern, dem, was latent in ihm schlummert, Ausdruck zu verleihen und Gestalt zu geben, wahr zu machen - eben "wahr zu geben". – „Wenn wir kreativ, schöpferisch tätig werden, dann geschieht "etwas Einzigartiges, etwas, was von allen uns bekannten Lebewesen einzig der Mensch hervorzubringen vermag: unsere Sinne, mit denen wir von Natur aus Eindrücke empfangen, werden in den Dienst seelischer Absichten gestellt, die ihrerseits selber Eindrücke senden. Unsere Sinne selber werden aus Empfängern zu Sendern." (Wilhelm Pinder: Von den Künsten und der Kunst, Berlin 1948, S. 15)
Es ist uns ein Anliegen gerade angesichts massenmedialen Bombardements, die den Nutzer vorwiegend als Rezipienten ansprechen, eine Ausgewogenheit der aktiven und passiven eingesetzten Medien wirksam werden zu lassen.
" B_a_l_a_n_c_e " ist nicht nur eine Funktion des sensiblen Zusammenspiels im Gleichgewichtsorgan unseres Innenohres; und das Postulat der " A_u_s_g_e_w_o_g_e_n_h_e_i_t " interessiert nicht nur die Räte der Rundfunk- und Fernsehanstalten. Sozial-kulturelle Bildungsarbeit muss sich ebenso mit diversen Aspekten eines ausgeloteten Gleichgewichts befassen. Einige dieser Aspekte haben wir bereits erwähnt, einen weiteren Aspekt möchten wir an dieser Stelle aufgreifen.
"Der Weg ist das Ziel", ist ein in den letzten Jahren sehr populär gewordener Satz. Gern sind wir bereit zuzustimmen, möchten wir auch weiterfragen, ob das Ziel damit hinreichend beschrieben ist. - Also: Wie verstehen wir das Verhältnis von W_e_g und Z_i_e_l , von P_r_o_z_e_s_s und P_r_o_d_u_k_t , von E_r_l_e_b_n_i_s und E_r_g_e_b_n_i_s?
Natürlich „ist der Weg das Ziel“. Indem ich in Be-Wegung bin, von etwas be-wegt werde, meinen Interessen folge, weitergehe wie bisher und vielleicht sogar weitergehe als bisher, wenn es mir gut geht, vielleicht sogar blendend geht - wenn es zumindest voran geht und ich weit davon entfernt bin, vor die Hunde zu gehen noch mir etwas über die Hutschnur geht (oder über meine Kräfte), dann habe ich wenig Grund, mich gehen zu lassen - und mein Weg führt mich unter gewissen Umständen über "Los, und ich ziehe 5000 Mark ein".
Wir arbeiten in unseren Veranstaltungen "prozess"-orientiert, d.h.: wir messen dem Erlebnis, das die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit sich selbst, in der Gruppe und in der verschiedenartigsten Auseinandersetzung mit einem Thema haben, große Bedeutung zu. Im Vordergrund stehen insoweit Erfahrungen, die den Teilnehmern im jeweiligen - prozessualen - Geschehen neue Ufer, souverän überschrittene Grenzen und vielleicht sogar neu eröffnete Horizonte bereithalten. - Erlebnisse und Erfahrungen können überhaupt nicht anders gemacht werden als in Erfahrungs- P_r_o_z_e_s_s_e_n . - That´s the w_a_y !
Doch möchten wir auch - im Interesse einer Ausgewogenheit, einer Gleich-Gewichtung - das Ziel, das Produkt, das Ergebnis dieses Prozesses, dieses Erlebnis-Weges nicht aus den Augen verlieren: Wo geht es hin? - Was finden wir vor, wenn wir etwas produziert haben; sind wir mit dem Ergebnis zufrieden; haben wir das Gefühl, etwas (zumindest:) für uns Stimmiges, Schönes, Anmutiges, Wichtiges, Neues erschaffen, kreiert zu haben? - Was sind meine Kriterien, was sind die Kriterien der anderen, um das zu beurteilen? - Sicherlich ist noch längst nicht alles, was g_u_t g_e_m_e_i_n_t ist, tatsächlich g_u_t . - Aber wie g_e_h_t_´s mir denn mit meinem eigenen Produkt? Kann ich dazu s_t_e_h_e_n_?
Die Leier, die sorgfältig gebaut ist, finden wir nun mal schöner als die Leier, die etwas "huschig" gefertigt worden ist. Das Unterwasserbild, dem eine Gestaltungsidee zu entnehmen ist, sagt uns mehr als dasjenige, das uns eher vermuten lässt, der Maler oder die Malerin habe nicht so die rechte Lust gehabt. Das Labyrinth, das nach drei Tagen harter Schufterei auf einer Wiese entstanden ist und nun tatsächlich mit je 1oo Schritten rein und wieder raus begangen werden kann, das angelegte Erfahrungsfeld für die Fußsohlen mit unterschiedlichsten Untergründen (Stein, Ton, Sand, Tannenzapfen, Moos, Blätter, Zweige, Schlamm ...), der Heißluft-Ballon, der tatsächlich (und ohne abzufackeln) imposant den Jungfernflug übersteht - all das sind Beispiele dafür, dass man ein Produkt zunächst einmal auch betrachten und begutachten kann, o h n e sich gefragt zu haben, wie es entstanden ist, ob die Arbeit Spaß gemacht hat und ob man dabei seine Fähigkeiten und Fertigkeiten erweitern konnte oder nicht.
Eine Gleichgewichtung von Erlebnis und Ergebnis berücksichtigt also die Bereicherung, die sich aus dem Tun und dem inneren Beteiligtsein ergibt, wie auch die Bereicherung, die uns das fertige Produkt im Anschauen, Anhören oder Benutzen bietet.
In diesem Kapitel haben wir zu zeigen versucht, dass m_e_d_i a_l_e V_i_e_l_f_a_l_t unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten gesehen werden kann:
> die eingesetzten Medien differenzieren die S_o_z_i_a_l_f_o_r_m_e_n in der Beschäftigung mit einem Thema > die eingesetzten Medien differenzieren die angesprochenen S_i_n_n_e als unterschiedliche Möglichkeiten, ein Thema zu erleben > die eingesetzten Medien differenzieren die Qualität der B_e_z_i_e_h_u_n_g_z_u_e_i_n_e_m T_h_e_m_a
Mediale Vielfalt ist somit ein Ansatz, der die konstituierenden Aspekte der themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn mit ein bezieht. Wie die themenzentrierte interaktionelle Gruppe bemühen wir uns bei unseren Angeboten - auch angesichts relativ kurzer Dauern der Veranstaltungen (Woche oder Wochenende) - ebenso
> um die Förderung und Erweiterung der Möglichkeiten der einzelnen Teilnehmer, um die Vermehrung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten, mehr Bewusstheit ihrer selbst und mehr Lebensfreude, um "Bewusstwerdung und Förderung des Ich-Potentials", wie Ruth C. Cohn es formuliert (Es geht ums Anteilnehmen ..., Freiburg 1989) > um die "gemeinsamen Erlebnisse der Einzelnen", um den besonderen Erlebniswert, den unsere Veranstaltungen haben, eben w_e_i_l sie für Gruppen konzipiert sind und nur in Gruppen, in der Beziehung zu anderen Menschen, Gemeinsamkeit erlebt werden kann um die inhaltlich-thematische Beschäftigung mit einem ausgewählten, vorgegebenen Gegenstand, der als Klammer für alle Aktivitäten fungiert, aus dem sich spezielle Beschäftigungsformen herleiten und der geeignet ist, sowohl die gruppenbezogenen Erfahrungen zu ermöglichen als auch jedem einzelnen einen Zugang zu eröffnen, der ihn bereichern wird.
Mediale Vielfalt fördert den ganzen Menschen.
Auch wenn der Begriff "Ganzheitlichkeit" in den letzten Jahren geradezu inflationär strapaziert wurde: die Art und Weise, wie wir in Haus Nordhelle Familienbildungsarbeit betreiben, halten wir für g_a_n_z_h_e_i_t_l_i_c_h_e_s A_r_b_e_i_t_e_n .
Kinder, Jugendliche, Erwachsene (vereinzelt bis ins Seniorenalter hinein) sollen gleichermaßen von der Attraktivität eines jeweiligen Themas eingenommen werden. Soweit wie möglich ist die Arbeit in den Gruppen altersübergreifend, d.h.: jung und alt tun das gleiche (- fast müßig zu erwähnen, dass sie es durchaus unterschiedlich empfinden mögen). Dies ist das ganzheitliche Erleben über Generationsgrenzen hinweg auf dem "Globus" Familienfreizeit.
Ganzheitlichkeit bezieht sich aber auch auf den einzelnen Menschen, seine individuelle Gesamtheit und seine unterschiedlichen Sphären und Erlebnisqualitäten: sein Empfinden, Fühlen, Denken, sein Tun, seine Befindlichkeiten, seine Energie und Kraft, seinen Esprit und seine Begeisterungsfähigkeit, seine Entdeckerfreude und sein Ruhebedürfnis, sein Pendeln zwischen Risiko und Chance, sein Erleben des Augenblicks wie seine Erinnerungen an Vergangenes und seine Hoffnungen und Befürchtungen in bezug auf Zukünftiges, seine Bedürfnisse, zu geben und zu nehmen, sein Austausch mit der Welt ... Unsere Freizeiten wollen ein Gegengewicht sein zu Spezialistentum und Eindimensionalität; vielerlei Potentiale sollen sich ent-falten dürfen, um aus Ver-wicklungen in jeweils Speziellem zu Ent-Wicklungen im Ganzen beizutragen. Angebote, die uns "ganz" fordern, die nicht nur unseren "Kopf" (unseren Intellekt) oder nur unseren "Bauch" (unser Gefühl) ansprechen oder nur unserem Betätigungsdrang nachkommen, f o r d e r n uns nicht nur, sondern f ö r d e r n uns in wohl vergleichbarem Maße.
Stellen wir uns vor (jeder hat es schon in dieser oder jener Form erlebt): Wir bewegen uns mehrere Kilometer über die glatte ebene Fahrbahn einer Autostraße. Nichts liegt im Wege. Das Licht ist hell und ungetrübt. Haben wir die Strecke hinter uns gebracht, fühlen wir uns ermattet und "wie gerädert" Die risikolose Gleichförmigkeit hat uns "angeödet". Wandern wir die gleiche Strecke nebenan durch den Wald: der Pfad ist schmal, holprig, gewunden. Man muss aufpassen, um nicht über Wurzeln zu stolpern; Zweige können einem ins Gesicht peitschen. Mal hat der Pfad einen steinigen, mal einen schlüpfrigen Grund; sumpfige Stellen sind zu überqueren. Es duftet, man atmet tief. Insekten sind abzuwehren. Plätschern kündet einen Bach an. Auf einer schmalen Bohle ist er zu überqueren. Die Äste hängen tief; man muss sich bücken. Das Licht ist dämmrig. Man muss vorsichtig sein und überall umherschauen. Es knackt, man muss horchen, ob nicht ein Ast herunterfällt. Kurz: Der Weg steckt voll kleiner zu bestehender Abenteuer und Wagnisse, die mich voll mit allen Gliedern und Sinnen in Anspruch nehmen. Am Ende des Weges ist man rundherum erholt und erfrischt und dankbar, ihn gegangen zu sein. Was war es, dass die glatte Bahn so anstrengend machte? Was hat es mit dem Waldweg auf sich, dass er uns erneuerte? Die Antwort ist mit der Frage gegeben. Der Waldweg nahm uns allseitig in Anspruch. Die glatte Fahrbahn forderte uns nichts anderes ab, als gegen die verödende Wirkung anzukämpfen. Wir mussten die Bahn hinter uns bringen in dauerndem Widerspruch mit uns selbst. So ist es: Was uns erschöpft, ist die Nichtinanspruchnahme der Möglichkeiten unserer Organe, ist ihre Ausschaltung, Unterdrückung; ist der "Negative Stress"... Was aufbaut, ist Entfaltung. Entfaltung durch Auseinandersetzung mit einer mich im Ganzen herausfordernden Welt. Ist das Bestehen der Welt.
aus: Hugo Kükelhaus: Fassen Fühlen Bilden - Organerfahrung im Umgang mit Phänomenen, Köln 1991, 6. Auflage
Ich fühle mich "rundherum erholt", wenn ich mich "im Ganzen gefordert" erlebe. - Das "Ganze" und das "Runde". Sie finden nicht zufällig zur gleichen Form. Aniela Jaffé hat in einem aufschlussreichen Aufsatz mit vielen Beispielen belegen können, dass in der Kunst das Runde, der Kreis - angefangen bei archaischen Darstellungen über mittelalterliche Bildmanuskripte bis hin zu Gemälden von Künstlern dieses Jahrhunderts - als Symbol der Seele und des Selbst, als Sinnbild der menschlichen Vollkommenheit, der Ganzheit verstanden werden kann. (Das Symbol des Runden in der Kunst, in: C. G. Jung: Der Mensch und seine Symbole, Olten 1984, 7. Auflage)
Nicht zufällig beginnen wir in Haus Nordhelle eine Familienfreizeit z.B. in einer kreisförmigen Anordnung der Stühle, mit einem Lied, das im Kreis gesungen, oder einem Tanz, der als Menschenkreis getanzt wird. Häufig finden wir diese Choreographie auch in besonderen Arbeitsphasen und zum Ende eines Tages oder einer Veranstaltung. Und wenn den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen an irgendeiner Stelle oder in irgendeinem Zusammenhang - wie punktuell oder umfassend auch immer, wie erahnend oder verbalisierbar dies auch sein mag -, deutlich wird, dass es nicht um Spezialistentum und Eindimensionalität gehen kann, können sie vielleicht positiv verbuchen: "Es geht ums Ganze!"
Wirkstatt für neuen Wind c/o Heinz-D. Haun Urbanstr. 27 51469 Bergisch Gladbach Tel./ Fax: 02202-250836 hdhaun@neuer-wind.de www.wirkwind.de
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