Lebenskunst Theaterspielen

Projektleitung und Bericht für den Bundesverband Theaterpädagogik e.V.:
Raimund Finke und Heinz-D. Haun


1 Einleitung

Theaterschaffende sind damit befasst, ein bestimmtes Stück in einer besonderen Ästhetik auf eine jeweilige Bühne zu bringen. Theaterpädagogisch Schaffende versuchen dies für gewöhnlich mit Nicht-Profis. Da Theaterpädagogik Arbeit mit pädagogischem Anspruch sein will, wird im Entstehungs- und Entwicklungsprozess neben einer Ästhetik der Darstellung auch die Persönlichkeit der Darstellenden mit dem ihnen innewohnenden (erweiterbaren) Vermögen, ihren begleitenden Gefühlen, mit ihren Wünschen und Sehnsüchten thematisiert. Der Ort der Theaterpädagogik ist die Pädagogik als ein (wissenschaftlicher) Bereich der intentionalen Beschäftigung mit Menschen, ihr Gegenstand ist sowohl die Kunst des Theaterspiels als auch die Eröffnung der Möglichkeiten dieser Kunst für die Spielenden als Mittel ihres Selbstausdrucks. Mit dieser Herleitung sind wir unversehens zentral in der Lebenskunst-Thematik angelangt.

Obwohl die relativ junge Disziplin Theaterpädagogik inzwischen realisiert hat, dass sie ohne das pädagogische Standbein nur humpelnd daherkäme, ist doch gleichzeitig zu konstatieren, dass sie sich der Person, der Persönlichkeit, dem sog. „Subjekt“ theaterpädagogischer Bemühungen, nämlich den Menschen aus Fleisch und Blut, Hoffnungen und Ängsten, Möglichkeiten und Begrenztheiten ... zunächst nur unter primär künstlerischen Maximen gewidmet hat. Theaterpädagogik hat der sozialwissenschaftlichen bzw. psychologischen Fragestellung, welche besondere Wirkung ihre vielgestaltigen Interventionen auf jeweilige Nutznießer zeitigen (können), bislang wenig zugearbeitet. - Jürgen Weintz schreibt, „dass das Spektrum an möglichen Wirkungen nur vermutet werden kann“ - u.a. „aufgrund fehlender empirischer Belege" (1).

In den wenigen Aussagen zu dieser Fragestellung, die sich in sozialpädagogischer, kaum jedoch in theaterpädagogischer Fachliteratur finden, wird zwar eine gemeinhin positive Wirkung des Theaterspielens bilanziert. In der Regel handelt es sich bei solcherart Thesen – deren Richtigkeit und Plausibilität damit nicht in Abrede gestellt werden soll – um subjektive Erfahrungen in eigener oder beobachteter Praxis.

Dazu drei Beispiele:
> „Als ‚Interaktionsmethode’ verstanden, kann die Theaterpädagogik andere Wahrnehmungsformen von gesellschaftlichen Konflikten ermöglichen, die Selbst- und Fremdbilder hinterfragen und in dieser Weise spielerisch zu einer Gewaltprävention beitragen.“ (2)
> „Es wird deutlich ..., wie die Persönlichkeitsentwicklung durch das spielerische Üben und die Aufführung eines Theaterstücks gefördert werden kann.“ (3)
> Theaterpädagogisch geleitete Spielgruppen stellen Erlebnisfelder dar, die den Vereinsamungs- und Entfremdungstendenzen der einflussreichen elektronischen Medien authentische Erfahrungen in Gruppen entgegenzusetzen vermögen.“ (4)
(Im anglikanischen Raum scheinen solche Problemstellungen populärer zu sein als hierzulande. – Beispiele dafür in unserer Recherche.)

In der dezidiert theaterpädagogischen Literatur wird eine bestimmte Wirkung von Theaterspiel eher hermeneutisch hergeleitet denn erfahrungswissenschaftlich gewonnen. Jürgen Weintz: „Es wird vermutet, dass vor allem durch Illusions- oder Als-Ob-Spiele ... aufgrund der hier stattfindenden modellhaften Auseinandersetzungen ein Zuwachs an sozialer Kompetenz denkbar ist.“ (5) Weintz zitiert weiterhin H. Hoppe, demzufolge „intensive Theaterarbeit in Form von Training, Probe und Aufführung beispielsweise folgende Erfahrungen (ermögliche):
--> ... die Ermutigung zum Auftreten vor großen Gruppen und Publikum,
--> ... Förderung von Einfühlung/ Empathie in eigene und fremde Rollen und von Rollendistanz gegenüber der eigenen Rolle,
--> Selbstvergewisserung,
--> das Erleben von Gruppen- und Ensemblegemeinschaft als unverzichtbarer Basis für Teamarbeit,
--> ... die Fähigkeit zum Selbstausdruck.“ (6)

Wie Hoppe, so beschränkt sich auch Ulrike Hentschel in ihrer Untersuchung (7) letztlich auf die bildungswirksamen Erfahrungsmöglichkeiten, die dem Theaterspielen innewohnen, so die Erfahrung von Ambiguität und Differenz im Erleben nebeneinander bestehender möglicher Wirklichkeiten, die Erfahrungsfähigkeit und Selbstvergessenheit als wesentliche Kompetenzen im gestalterischen Prozess oder die in besonderem Maße notwendige Aufmerksamkeit für sich selbst, die Fähigkeit zur Selbstreflexivität (8). Tatsächlich sich einstellende Wirkungen des Theaterspielens in diesem Sinne bestätigt sie nicht als experimentell gewonnene Befunde.

Auch amtliche und fachverbandliche Verlautbarungen betonen die positive Bedeutung des Theaterspiels: „Die aktive und reflektierende Beschäftigung mit ... Theater ... erweitert das Spektrum (der) individuellen und gemeinschaftlichen Darstellungsmöglichkeiten.“ (9) Theater als eine Form kultureller Bildung „stärkt das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen.“ (10) Leitbegriffe dieser Darstellungen sind z.B. Integration, Prävention, Gemeinschaftserlebnis einerseits und Identitätsbildung, ästhetische Bildung, spielerisches Ausprobieren von Lebensentwürfen, Stärkung des Selbstbewusstseins andererseits.

Eine wirkliche Überprüfung dieser Thesen und vor allem eine Befragung der Betroffenen selbst haben unseres Wissens noch nicht stattgefunden. So mussten wir in einer intensiven Literaturrecherche (als Kopie in der Geschäftsstelle des Bundesverbandes Theaterpädagogik erhältlich) zu dem Schluss kommen, dass im deutschsprachigen Raum keine wissenschaftlichen Untersuchungen oder klärende Studien existieren, die auf diese Fragen verlässlich Antworten geben: Fördert aktives Theaterspielen die individuelle und soziale Entwicklung von Jugendlichen, etwa im Sinne von Identitätsbildung, Selbstbestimmung oder Eigenverantwortlichkeit?, Trägt Theaterspielen dazu bei, die eigene Lebenssituation als befriedigender, lustvoller, kommunikativer zu erleben? Trägt Theaterspielen zur Verbesserung der Lebenssituation Jugendlicher bei? ... Anders formuliert und als Fokus der vorliegenden Darstellung: Fördert das Theaterspielen Jugendlicher und junger Erwachsener deren Lebenskunst?

Die überhaupt einzige uns bekannte europäische Arbeit, die sozialwissenschaftlichen Kriterien genügend angelegt erscheint, ist die schwedische Untersuchung von Christina Chaib mit jungen Darstellern und Darstellerinnen in Amateurtheatergruppen (11). In Zusammenfassung ihrer Befunde formuliert Chaib folgende Thesen:

Durch Theaterspielen
> wächst das Selbstvertrauen, das Zutrauen zu sich selbst und das Vertrauen in die Gruppe,
> erweitern sich Imagination, Fantasie und individueller Gestaltungsspielraum, z.B. in der Wahrnehmung neuer Aufgaben,
> wird die Wahrnehmung der eigenen Identität gestärkt,
> werden das Verständnis für andere sowie Beziehungen zu anderen entwickelt,
> vergrößert sich die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und zur Akzeptanz von Anforderungen,
> wird kommunikative Kompetenz erhöht,
> werden Empathie und ein demokratisches Verständnis entwickelt,
> wird Sinngebung für das alltägliche Dasein ermöglicht,
> steigern sich die Bewusstheit und das Wissen über sich selbst,
> wachsen gegenseitige Unterstützung, Freude und das Gefühl gemeinsamen Wachsens,
> teilen die Gruppenmitglieder das Verlangen nach Erfolg in Verfolgung einer künstlerischen Aktivität und
> erwerben sie ein Werkzeug, das alltägliche Leben zu bewältigen (12).
Im Bundesverband entstand bereits 1997/ 1998 der Wunsch, qualitative empirische Daten zu erheben und auszuwerten, um der Realität der Wirkung von Theater bei theaterspielenden Jugendlichen ein Stück näher zu kommen. Gedacht war ursprünglich an eine "große", repräsentativ angelegte Untersuchung zu diesem Thema. Schnell wurde aber die Notwendigkeit einer Pilot-Studie zur Hypothesenbildung deutlich. Da traf es sich überaus gut, dass mit dem "Lebenskunst" – Ansatz der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung mit einem Mal eine Begrifflichkeit vorhanden war, die als eine Art Leitmotiv die Absicht einer solchen Untersuchung bündelte. Wir sind außerordentlich erfreut darüber, dass durch die Förderung unseres Vorhabens im Rahmen des gesamten Projektpakets eine erste weitergehende Reflexion über theaterpädagogische Wirkungsweisen bzw. Wirkungen des eigenen Theaterspielens, gewonnen über authentisches Material von Nutznießern dieser Arbeit, ermöglicht worden ist.


2 Zum Design des Projekts und der Auswertung

2.1 Vorbemerkung

Mit unserer Untersuchung erheben wir keinen Anspruch auf repräsentative Gültigkeit der Aussagen. Gleichwohl haben wir bei der Auswahl der Jugendtheatergruppen darauf geachtet, eine möglichst große Spannbreite hinsichtlich Alter, Geschlecht und Milieu zu erreichen. In fünf bundesdeutschen Städten besuchten wir sieben Jugendtheatergruppen:
> In Esslingen hatten wir Kontakt zu zwei altersunterschiedlichen Jugendclub-Theatergruppen an der Württembergischen Landesbühne, deren Mitglieder durchweg bürgerlichen Familien entstammen.
> Orquídea in Köln ist eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener im Theaterpädagogischen Zentrum Köln, die ursprünglich stark gemischtnational, zum Zeitpunkt des Besuchs in der Gruppe bezüglich dieses Merkmals aber homogener zusammengesetzt war.
> Oelde ist eine Kleinstadt in kultureller Diaspora im Münsterländischen. Die rein weibliche Theatergruppe 17 – 21 Jähriger trifft sich im Kulturzentrum Theater in der Alten Post.
> In Greifswald besuchten wir zwei Theatergruppen: eine gymnasiale Schultheatergruppe und ein studentisches Ensemble an der Ernst Moritz Arndt Universität.
> Die Besonderheit der Gruppe in Frankfurt/ Oder liegt zum einen darin, dass sie in einer Grenzstadt mit geringem soziokulturellen Angebot und hoher Arbeitslosenquote ansässig ist, zum anderen war das Theater - und damit auch der Jugendclub – zum Zeitpunkt unseres Besuchs gerade geschlossen worden.

Zum Teil waren die Mitglieder der Theatergruppen durchaus schon seit einigen Jahren Erwachsene (der älteste Teilnehmer unserer Begegnungen war 32 Jahre alt). Wenn wir dennoch von Jugendtheatergruppen sprechen, so trifft sich dies mit dem erweiterten Jugendbegriff, den die Soziologie heute durchaus bis zum Alter von 25, 26 Jahren ausdehnt. U.a. in Abhängigkeit von ihrem Alter spielen die Jugendlichen auch sehr unterschiedlich lange in ihrer Gruppe Theater; einige spielten bereits zuvor in anderen Gruppen.

2.2 Fragestellung

Fördert Theaterspielen die Lebenskunst? Wie wirkt diese Art der kulturellen, geselligen, mehrdimensional (ganzheitlich) die Persönlichkeit eines Spielers, einer Spielerin fordernden Freizeitaktivität auf das sonstige Leben, auf Weltsicht und Alltagsgestaltung ein? Trägt sie (mit) dazu bei, ein gutes, gelingendes, erfülltes, selbstbestimmtes, selbstbewusstes, sinngeleitetes, eigen- und sozialverantwortliches Leben zu führen?

Zur Beantwortung dieser Fragen durch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit denen wir unsere Exploration durchführen wollten, bedurfte es der Lockerung wie der Besinnung, der spontanen Phantasietätigkeit wie der überlegten Äußerung. Unser Ziel war, die Teilnehmenden unserer Begegnungen zum Reflektieren über ihre eigenen Erlebnisse und Empfindungen im Zusammenhang mit ihrem Theaterspiel anzuregen. Erst wenn Reflexionsprozesse in Gang gesetzt worden sind, sei es durch Überraschungscoups oder behutsame Hinführung, kann Erlebnis zu Erfahrung werden, die tiefer im Bewusstsein sich verankert als jene und die Bedeutungsbeimessungen erst zulässt.


2.3 Eingesetzte Methoden

Mit allen Gruppen (zweimal je zwei Gruppen zusammengefasst) führten wir unsere sog. Reflexionsworkshops durch, auf die dann Serien von Einzelinterviews folgten.

Die eineinhalb- bis zweistündigen Workshops machten in methodischer Vielfalt wach und bereit für die Thematik. Auf eine Vorstellungsrunde, die Erläuterung des Hintergrunds unseres Besuchs und ein lockerndes Warm-up-Spiel folgte eine Phantasiereise ins "Museum der eigenen Theatergeschichte", das in verschiedenen "Sälen" zur Bewusstmachung individueller und sozialer Erfahrungen einlud. Ein anschließender Austausch in Kleingruppen über die "Reiseeindrücke" führte zum Herausfinden gemeinsamer oder ähnlicher Erlebnisse, die sodann in symbolischer Darstellung nonverbal den anderen Kleingruppen vorgeführt wurden. Ein Stegreifspiel in Anlehnung an das Forumtheater sammelte Argumente dafür, "warum man denn überhaupt in der Theatergruppe mitmachen solle". Nach einer assoziativen Befragung des Begriffs "Lebenskunst" auf seinen Bedeutungsrahmen in Form gruppenweisen Clusterns diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils in zufälligen, wechselnden Paarkonstellationen mehrmals ihre Ansichten darüber, "wie man denn ihrer Meinung nach richtig lebt" und "wie man überhaupt Lebenskünstlerin/ -künstler werden kann". Die abschließende "Schweigediskussion" forderte zum simultanen schriftlichen Fortführen diverser Satzanfänge im inhaltlichen Kontext von Theaterspiel und Lebenskunst auf. (Die Mitschriften der "Schweigediskussion" und die quantifizierten Antworten aus den Gesprächen, auch im Vergleich der eigenen Gruppe mit den anderen, wurden den Gruppen baldmöglichst rückgemeldet.) - Die darstellerisch/ visuell interessanten Phasen der Workshops wurden auf Video aufgezeichnet.

In den anschließenden Einzelinterviews fragten wir Namen, Alter und Dauer der Teilnahme in der Theatergruppe ab. Wichtiger als die standardisierte Abwicklung Frage für Frage war uns die Atmosphäre eines zugewandten, für die individuellen Antworten, Berichte und Erzählungen der Jugendlichen offenen Gesprächs, in dem sie sich zusammenhängend über ihr Theaterspiel äußerten. Das Gespräch basierte auf einem Interviewleitfaden (siehe Anhang) mit den "Kapiteln" Allgemeines/ Hinführung, Identität/ Persönlichkeit, Lebensgestaltung und Kommunikation/ soziale Bezüge. Der Leitfaden sollte mehr als Kontrollinstrument für die Interviewer fungieren, um sicherzustellen, dass während des Gesprächs alle wichtigen Aspekte berücksichtigt wurden.
In den Interviews versuchten wir tunlichst, suggestive Fragestellungen zu vermeiden. Dennoch mögen einige Fragen durch die Jugendlichen/ jungen Erwachsenen im Sinne einer vermuteten Erwünschtheit beantwortet worden sein. Wenn wir einen dahingehenden Eindruck hatten, haben wir stets versucht, durch Nachfragen authentische Antworten zu erhalten.


2.4 Auswertung

Die Auswertung der Gespräche konnte ebenfalls nicht Frage für Frage erfolgen. Um die vorliegenden, narrativ gewonnenen Aussagen der Jugendlichen über die von ihnen ihrem Theaterspielen beigemessene Bedeutung ansatzweise vergleichbar zu machen, bedurfte es einer neu zu erstellenden kategorialen Gliederung. Dazu wurde nach einem Zufallsverfahren jedes zweite Interview ausgewählt und jeweils von demjenigen der beiden Projektleiter abgehört, der das Interview nicht geführt hatte. Beim Anhören der Interviews wurden solche Äußerungen protokolliert, die subjektiv als interessant, originell, brisant etc. empfunden wurden. Anhand der Mitschriften konnte ein erstes Raster zur Einordnung der Nennungen erstellt werden, das an vier zufällig ausgewählten Interviews von beiden Projektleitern gleichermaßen auf seine Tauglichkeit hin, besonders hinsichtlich seiner Trennschärfe bzw. Zuordnungseindeutigkeit, überprüft wurde. Die Erprobung führte zu einer punktuellen Abänderung und weiteren Differenzierung des Rasters. Mittels dieses kategorialen Schemas wurden dann alle Interviews vom Interviewer selbst abgehört und entsprechende Äußerungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen per Strichliste festgehalten. Die jeweiligen Nennungshäufigkeiten werden pro Interviewtengruppe, in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht der Befragten sowie in Relation zur angegebenen Dauer ihres Theaterspielens inhaltlich interpretiert werden. Es sei an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, dass die Daten keine Repräsentativität beanspruchen, sie vermögen lediglich Trends wiederzugeben, die den Wert einer ersten Problemfeldbeschreibung haben.

Wir haben darauf verzichtet, Unterschiede zwischen den Gruppen herauszuarbeiten. Die Datenbasis ist für gesicherte Aussagen zu schmal. Somit können wir auch nichts darüber aussagen, ob ein besonderer Leitungsstil der Theaterpädagogin/ des Theaterpädagogen Unterschiede in der Wirkung des Theaterspiels auf die Jugendlichen möglich macht. (Der Gruppenleitung wurden lediglich die Summen der Auszählung in den einzelnen Katagorien für ihre im Vergleich zu den Summen aller anderen Gruppen zur Verfügung gestellt, woraus mit Bezug auf die eigene Gruppe Schlussfolgerungen gezogen werden mögen.)


3 Impressionen aus den Workshops

In allen fünf durchgeführten Workshops begegneten uns interessierte, motivierte Jugendliche und junge Erwachsene, die gerne zu dem Treffen bereit waren, auch, wie in Frankfurt/ Oder, in einer Phase großer Zeitknappheit wenige Tage vor einer Premiere oder zu einem Zusatztermin, wie in Köln, bereits in der Ferienzeit. Den Teilnehmenden der Workshops sei auch an dieser Stelle noch einmal für ihre Bereitschaft zur Mitarbeit gedankt.

Der Ablauf der in gleicher Weise strukturierten Workshops wurde bereits in den Erläuterungen zum Projektdesign vorgestellt. Funktion der Workshops war die Lockerung in einer Situation mit möglicherweise besonderer Erwartungshaltung und das Bereitmachen für eine angeleitete Bespiegelung von Aspekten der eigenen Person (und nur dann ist nach Joseph Beuys „jeder Mensch ein Künstler“: wenn er sich mit sich selbst konfrontiert!). Die Workshops sollten zum Nachdenken und Nachsinnen über das eigene Theaterspielen und die Besonderheit der damit einher gehenden Erlebnisse anregen sowie die Bedeutung erkennen lassen, die dieses Erleben für die jungen Menschen einnimmt. Gerade auch in der Neubegründung einer „Philosophie der Lebenskunst“ wird die Notwendigkeit von Reflexion betont: Erst durch Reflexion vermag eine Erfahrung auf bewusste Weise einverleibt zu werden. Hat schon die gemachte Erfahrung den Wert einer Bereicherung für eine Person, so trägt die Reflexion auf doppelte Weise zur Bereicherung des Erlebens bei, denn erst die Reflexion einer Erfahrung macht es möglich, Erkenntnisse aus ihr zu ziehen (13). Erst die Reflexion des eigenen Tuns und eine hierdurch gewonnene Erkenntnis lassen Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Optionen zu. Nach Schmid ist alles an der Lebenskunst in moderner und postmoderner Zeit eine Frage der Wahl (14). So war es unser Anliegen, mit den Workshops einen Beitrag zu leisten zum Nachdenken und Nachempfinden und einen Anstoß zu geben für eine praktizierte Lebenskunst.

In den Workshops machten wir durchweg die Erfahrung, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch nicht allzu oft in dieser Weise über ihr Theaterspielen nachgedacht hatten. Viele von ihnen, insbesondere die 13- bis 18Jährigen, stellten sich diese(n) Fragen erstmals. Entsprechend häufig meldeten sie uns spontan (unaufgefordert) zurück, dass sie im Eingehen auf unsere Impulse durchaus eine für sie neue Sichtweise und neue Erkenntnisse über sich gewonnen hätten. Die in der Rückmeldung durchgängig deutlich gewordene Freude über die neue Erfahrung lässt uns davon auszugehen, dass der beschriebene Effekt nicht nur kurzfristig wirkt, sondern bei vielen Workshopteilnehmerinnen und –teilnehmern eine nachhaltige Lust am Reflektieren entfacht hat.

Im Workshop wechselten die Anforderung und die Sozialform mehrmals. Während der Phantasiereise wandelten die Jugendlichen durch ihr individuelles „Museum der eigenen Theatergeschichte“. Sie vergegenwärtigten sich in mehreren Schritten („Sälen“) ihre Mitwirkung in der Theatergruppe, das Erlebnis des eigenen Spielens, ihre Darstellungsversuche und die all dies begleitenden Gefühle und Befindlichkeiten. In der zweiten Phase der Phantasiereise verweilten sie nach eigenem Gusto bei denjenigen Erinnerungsbildern, die sich in ihr Bewusstsein schoben und die ihnen besonders wichtig erschienen. - In der darauf folgenden Sequenz galt es, in Kleingruppen die Erinnerungen auszutauschen, „Reiseberichte“ weiterzugeben und sich ähnelnde oder gleiche Momente zu entdecken. Hierin war schon eine andere Art der Spiegelung vorgegeben: Erkenne ich mich wieder in der Erzählung von anderen...? Das Er-Finden einer nonverbalen statischen oder bewegten symbolischen Darstellung für ein ausgewähltes Motiv aus der gemeinsamen Gruppengeschichte oder den in der Gruppe als gemeinsam wahrgenommenen Erfahrungen stellte Anforderungen an die Gestaltungsfähigkeit der Kleingruppe. – Im anschließenden Rollenspiel, in theatraler Echtsituation sozusagen, wurde ohne viel zu überlegen improvisiert, spontan auf den Partner/ die Partnerin reagiert. Reflexion fand aber auch in diesem Spiel statt, konnten doch Argumente ausgetauscht werden, warum es sich lohnt, in einer Theatergruppe mitzuspielen. – Konzentrierte Partnergespräche, der Austausch von Meinungen in wechselnden Paar-Konstellationen waren dann das Medium, sich über erste Vorstellungsgehalte zum Begriff Lebenskunst auszutauschen und sie möglicherweise in einem Zusammenhang mit Theaterspielen zu begreifen. - Die den Workshop abschließende „Schweigediskussion“ war simultane Meinungsäußerung ohne Worte, sie erlaubte die Reaktion auf die Meinungen der anderen und erbrachte einen wahren Pool von Statements zu vorgegebenen Aspekten. – Es war uns wichtig, dass die Reflexion über das eigene Tun in der Theatergruppe sich nicht nur im individuellen sti
len Denkkämmerlein abspielte, sondern auch in der Konfrontation mit Positionen der anderen Gruppenmitglieder, und dass sie sich darüber hinaus nicht nur denkend, sondern auch handelnd vollzog und somit vielfältigen Erkenntnismöglichkeiten offen stand.

Äußerungen der „Schweigediskussion“, spontan und authentisch, geben wir im folgenden grob klassifiziert mit ausgewählten Beispielen wieder. Die Nennungen werden nicht quantifiziert und gewichtet; sie sind vielmehr geeignet, Stimmungsbilder entstehen zu lassen.

Theaterspielen hilft mir ...
> ... zu entspannen, mich vom Alltagsstress zu entlasten:
zu lachen und Sorgen zu vergessen; der Schwere den Mittelfinger zu zeigen; aus dem Alltag zu entfliehen; meinem Ich zu entfliehen; den Alltag zu vergessen.
> ... Kreativität zu entwickeln, Ideen und Phantasien zu realisieren:
meine Träume, Gedanken und Visionen zu entwickeln; Sehnsüchte, Wünsche, Gefühle auszudrücken.
> ... mich besser kennen zu lernen und sensibler zu werden:
achtsamer mit mir, mit dem Leben umzugehen; meine Grenzen kennenlernen und evtl. überwinden.
> ... mich zu entwickeln, zu wachsen:
spontaner und schlagfertiger zu werden; meine Körpersprache deutlicher zu machen; in eine positivere Energie zu kommen; mich offener und freier zu fühlen; auf unbekannte Leute offener und selbstbewusster zuzugehen.
> ... einen Selbstausdruck zu finden:
mich auszudrücken, egal in welcher Form; zu zeigen, was ich kann; Seiten an mir der Öffentlichkeit zu zeigen, die ich sonst nur schwer oder gar nicht offenbare.
> ... in andere Rollen zu schlüpfen und mich zu verwandeln:
etwas von anderen Standpunkten zu betrachten; mich besser auf andere und ihre Gefühle usw. einzustellen; mich in andere Leute hineinzuversetzen.
> ... allgemein im Leben:
mein Leben zu leben; mit so manchen Schwierigkeiten besser umzugehen; nachzudenken; eine erträgliche Leichtigkeit dem Leben abzugewinnen; fröhlich zu sein; zu leben, zu sterben und zu sein.
> ... in funktionaler Weise:
bei der Arbeit Produkte zu verkaufen; im Deutsch-Unterrricht besser mitzuarbeiten und bessere Deutsch-Noten zu schreiben.

Am Theaterspielen finde ich besonders toll ...
> ... dass ich mich verwandle:
dass ich in eine andere Welt eintauchen kann; dass ich auf der Bühne ein anderer Mensch sein kann und doch irgendwie immer ich selber bleibe; dass man ständig seine eigene Persönlichkeit untergräbt; dass jeder, den ich spiele, für kurze Zeit lebendig wird; dass man sein kann, der man sonst nicht ist; dass man so viele Menschen sein kann; dass ich für kurze Zeit in die Sorgen eines anderen Menschen schlüpfe; dass man alles ausprobieren kann, ohne diese Person gleich in der Realität zu sein.
> ... dass ich mich auf besondere Weise spüre und erfahre:
dass ich ganz viel fühle und einfach lebendig bin; dass ich mich vor mir selbst beweisen muss; dass man sich und seiner Phantasie freien Lauf lassen kann; die Erfahrungen, zu denen mich mein Körper führt.
> ... dass ich spielen kann:
dass man wieder Kind sein darf; dass ich als Erwachsener spielen darf; dass man ohne Nachdenken auf die Bühne geht und einfach zu spielen anfängt und sich gehen lassen kann.
> ... dass ich etwas lerne und Neues entdecke:
dass ich viel lerne, ohne es gleich zu merken; dass man aus eigenen Fehlern lernt.
> ... dass ich mich entspanne und erhole:
dass ich mich mal austoben kann; dass ich mich ganz fallen lassen kann und endlich den Kopf von allen Alltagsgedanken frei bekomme; dass ich mein eigener Teufel sein kann; dass man für drei Stunden aus dem Alltagsleben verschwunden ist und die ganze Zeit lachen kann; dass man hier lachen kann ohne ausgelacht zu werden.
> ... dass Theater einen ganz eigenen Reiz hat:
dass es nicht schwarz-weiß ist; dass im Theater alles möglich ist; dass in den Themen der Stücke, in meiner Rolle Realität verarbeitet wird; dass Theater pure Wahrheit ist, die nur durch Darstellen erkannt werden kann; das Lampenfieber und die Erleichterung danach; dass der Stress vor der Premiere so schön kitzelt; dass ich hier Einzigartiges erfahre; dass es Gedanken auf die Reise schickt; dass es Träume, Wünsche, Irrationales darstellen kann (das ist wunderschön!).
> ...dass ich gemeinsam mit anderen Theater spiele:
dass ich mit unserer Gruppe etwas leiste; dass ich Kontakt, Spaß, Freude mit anderen haben kann und mit ihnen etwas schaffe; dass ich hier Gemeinschaft erlebe, in der alle zusammenhalten; dass ich wirklichen Kontakt habe: Nähe; dass man Leute kennen lernt, die an den gleichen Dingen Spaß haben wie man selbst; wie ich andere dabei kennen lerne.
> ... dass es ein Publikum gibt:
dass ich andere zum Lachen oder Weinen bringen kann; dass man eine „Aspirin“ für die Menschen sein kann.

Seitdem ich Theater spiele, bin ich ...
> selbstbewusster, selbständiger, sicherer, ausgeglichener, offener, lockerer, kritischer, stärker, heiler, glücklicher, konfliktfreier, nachdenklicher, nachgiebiger, sozial kompetenter, eigenständiger, wütender, launischer, besser gelaunt, ideensprühender.
> um eine Lebenskunst weiser, meiner Wahrheit etwas näher gekommen..
> schlechter in der Schule.
> unglücklich, wenn ich es nicht tue.

Seitdem ich Theater spiele, habe ich ...
keine Freizeit mehr.
einige Talente entdeckt, die bisher schlummerten; weniger Ängste mich zu blamieren; für manche Situation im Leben gelernt; mehr Kontakt zu meinem Herzen; neue Möglichkeiten entdeckt, mich zu äußern; gelernt mich zu lassen.
eine andere Umgangsform mit Menschen; viele Leute kennen gelernt; sehr nette Menschen kennen gelernt, die ich sonst nie getroffen hätte; soviel vom Leben gelernt wie noch nie und nirgendwo sonst.

(Die Fortführungen des angefangenen Satzes „Theater ist eine Lebenskunst, denn ...“ möchten wir noch ein wenig zurückhalten. Der geneigte Leser/ die geneigte Leserin findet diese gelungenen Aphorismen an besonderer Stelle.)


4 Auswertung der Interviews nach Kategorien

4.1 Art der Interviews, Samplegröße, Altersverteilung

Die Interviews wurden jeweils von einem der Projektleiter mit einer/m Jugendlichen/ jungen Erwachsenen durchgeführt und dauerten in der Regel 20 bis 30 Minuten, in Einzelfällen auch deutlich länger. Die Interviewpartnerinnen und -partner wurden vorab gefragt, ob sie Einwände gegen einen Tonbandmitschnitt hätten; dies war jedoch niemals der Fall.

Befragt wurden insgesamt 48 Jugendliche bzw. junge Erwachsene zwischen 13 und 32
Jahren. Es konnten jedoch lediglich 42 Interviews; nach Kategorien ausgewertet werden, da technische Pannen bedauerlicherweise zum teilweisen bzw. vollständigen Verlust der Daten von 6 Gesprächen führten. Bei der Altersverteilung gilt festzuhalten, dass nur zwei der Interviewten (32 bzw. 28 Jahre alt) über dem Alter von 25 Jahren liegen, das nach dem heute allgemein anerkannten erweiterten ”Jugend”-Begriff die obere Altersgrenze markiert. Dagegen sind allein 7 der Befragten im Alter von 13 bzw. 14 Jahren. Das Gros der Befragten, nämlich 29 von 42 - d.h. 69 % - liegt altersmäßig zwischen 13 und 18 Jahren.


4.2. Auswertungen

4.2.1 Die besondere Qualität des Theaters/ des Theater-Spielens in der Gruppe

Befragt man die Jugendlichen nach dem, was für sie persönlich das Besondere am Theaterspielen bzw. am Theaterspielen in ihrer Gruppe ausmacht (Mehrfachnennungen waren ohne Weiteres möglich), so finden sich die häufigsten Äußerungen in den folgenden Begriffsfeldern: ”Botschaft vermitteln/ Freude bereiten” (25), ”Verwandlung” (24) ”Gruppengefühl” (24), ”Spaß/ Entlastung vom Alltag” (21), ”Persönliches Wachstum” und ”Teilhabe an Kunst/ Erwerb künstlerischer Fähigkeiten”(je 18). Bei diesen Begriffen liegt die Häufigkeit der Nennungen in Relation zur Gesamtzahl der Befragten bei mehr als 42 %. In allen anderen Kategorien ist hier eine deutlich geringere Prozentzahl zu verzeichnen – ”Freunde gewinnen” als nächsthäufig genannte Kategorie kommt zum Beispiel nur auf 6 Nennungen, liegt also in der Quote nur bei ca. 14 %.

Es kann differenzierend vermerkt werden, dass die Jugendlichen mit ”Botschaft” keineswegs belehrende oder zugespitzt weltanschauliche Aussagen meinen. Durchweg geht es ihnen vielmehr darum, mit ihren Produktionen bei den Zuschauern eine Nachdenklichkeit zu wichtigen Aspekten des menschlichen (Zusammen-)Lebens und ein In-Frage-Stellen von vorgefertigten Anschauungen zu initiieren; gleichwohl und gleichzeitig sollen dabei das Lustvolle und Spielerische, der "Spaß am Theater" beim Zuschauer nicht zu kurz kommen.

Die häufige Nennung von "Verwandlung" als eine besondere Qualität des eigenen Theatererlebnisses in der Gruppe macht deutlich, welch große Faszination für die Jugendlichen davon ausgeht, in andere Rollen bzw. Charaktere zu schlüpfen. Ein 15-Jähriger etwa beschreibt seinen Zustand auf der Bühne mit den Worten: "Nach ein paar Minuten, da bist du richtig mit deiner Rolle identifiziert. Du bist dann sozusagen der, den du spielst. Da muss man gar nicht mehr nachdenken." Darüber hinaus wird bei den Interviews immer wieder betont, dass es möglich ist, auf der Probe bzw. der Bühne Rollen zu spielen, die der eigenen Persönlichkeit (scheinbar) ganz fremd sind und Situationen zu erleben, in die man sich "sonst" nicht begeben würde. Dies wird als "Spaß", als "toll" oder "spannend" empfunden, nur bei einer Minderheit finden sich spontane – und meist recht diffuse – Formulierungen in Richtung einer selbst erlebten Erweiterung des eigenen Rollenrepertoires.

Dass das Gruppen-Erlebnis von einer hohen Zahl der Befragten als herausragende Qualität des eigenen Theaterspielens benannt wird, überrascht nicht. Bemerkenswerter erscheint der Befund, dass dies nach unseren Daten in gleichem Masse für 13 und 14 Jährige zu gelten scheint wie für die wesentlich Älteren, die den sogenannten "jungen Erwachsenen" zuzurechnen sind. Erwähnt werden sollen auch die häufig geradezu euphorischen Beschreibungen des Zusammengehörigkeitsgefühls oder der Einzigartigkeit der Kommunikation in den Theatergruppen. Man könne hier mit den Leuten einfach besser und intensiver und über viel wichtigere Dinge reden als mit anderen Menschen bzw. in anderen sozialen Zusammenhängen. Dies ist nicht als Einzelmeinung, sondern von einer Vielzahl der Befragten in unterschiedlichen Akzentuierungen zu vernehmen.

"Spaß/ Entlastung vom Alltag" wird von der Hälfte der Befragten als besonders wesentlich benannt. Es finden sich hier Formulierungen wie "Erlösung von dem ganzen Druck" oder "Ablenkung von alltäglichen Problemen" o.ä. Theaterspielen erscheint einer beachtlichen Zahl der Befragten als das ganz Andere, als ein Bereich, der sich deutlich
von einem als Stress und Entfremdung empfundenen Alltag abhebt.

Immerhin knapp die Hälfte der Befragten gibt an, dass das Besondere der Freizeitaktivität "Theaterspielen" für sie u.a. auch in einer Bereicherung bzw. einer positiven Entfaltung ihrer Persönlichkeit bestehe. Worin genauer dieses "persönliche Wachstum" für die Jugendlichen besteht, wird an einer späteren Stelle dieser Auswertung beschrieben.

Auf die gleiche Zahl der Nennungen kommt auch die Auseinandersetzung mit dem Kunstmedium "Theater". Dass man künstlerische Fähigkeiten und Fertigkeiten erwirbt, z.B. seine sprachliche oder physische Ausdrucksfähigkeit verbessert, wird von den Jugendlichen ebenso als bedeutsam eingeschätzt wie die Beschäftigung mit einer zu spielenden Rolle oder ganz allgemein das aktive Teilhaben an einem künstlerischen Prozess.


4.2.2 Identität/ Persönlichkeit/ Persönliches Wachstum

Eine ganze Reihe von Fragen in unserem Interview-Leitfaden waren dem Aspekt der selbst oder von anderen konstatierten persönlichen Veränderungen im Zusammenhang mit dem Theaterspielen gewidmet.

Mit dieser Fragestellung ist selbstverständlich eine grundsätzliche methodische Schwierigkeit verbunden: "Persönliche Entwicklung" gilt geradezu als herausragendes Kennzeichen des Adoleszenzalters, in dem sich fast alle der Befragten befanden. Demzufolge ist die Abgrenzung höchst problematisch, welche der beschriebenen Persönlichkeitsveränderungen unmittelbar oder mittelbar mit dem Theaterspielen in Verbindung gebracht werden können und welche mutmaßlich auch ohne Theaterspielen eingetreten wären. Dieses Problem wurde in den Interviews regelmäßig von den Interviewern selbst, zuweilen auch von den Befragten thematisiert. Ohne eine restlos befriedigende Lösung dieses methodischen Dilemmas anbieten zu können, haben wir eine bestmögliche Abgrenzung dadurch versucht, dass bei der Kategorisierung lediglich solche Äußerungen erfasst wurden, bei denen die Befragten selbst eine klare Kausalität zwischen der jeweiligen Veränderung und ihrem aktiven Theaterspielen behaupteten. Wie selbstkritisch und differenziert manche Jugendlichen sich zu dieser Frage äußerten, mag im Übrigen das folgende Zitat einer 16-Jährigen belegen: "Ich habe Geduld gelernt und Ruhe und weiß, wofür das gut ist ... Diese Veränderungen wären vielleicht auch ohne Theater gekommen, vielleicht etwas später, aber ich bin froh, dass sie durchs Theater gekommen sind."

Welche persönlichen Veränderungen stehen nun nach Einschätzung der Jugendlichen eindeutig im Zusammenhang mit dem Theaterspielen? Wieder gibt es bei der quantitativen Gewichtung der Nennungen eine klare Grenze. Sie kann hier bei solchen Kategorien gezogen werden, auf die sich Äußerungen von mindestens 35 % der Befragten beziehen. Im Zusammenhang mit dem Theaterspielen werden demnach in erster Linie genannt: "Selbstvertrauen/ Selbstbewusstsein" (24 Nennungen), "Gesteigerte Kreativität/ Ausdrucksfähigkeit" (21), Spannungslösung/ Kathartische Wirkung (16), "Grenzen erleben/ Grenzen überwinden" sowie "Offenheit/ Mut/ Zutrauen" (je 15 Nennungen). Nur noch etwa ein Fünftel der Jugendlichen benennt Veränderungen, die den Kategorien "Sensibilität/ Aufmerksamkeit" (9 Nennungen) oder "Spontaneität/ Impulsivität" (8 mal genannt) zuzuordnen sind.

Vor allem ein gestärktes Selbstvertrauen und/ oder ein größeres Selbstbewusstsein will also eine Mehrheit der Befragten durch die oder im Zusammenhang mit der kontinuierliche(n) Theaterarbeit in der Gruppe erworben haben. Hierbei gibt es übrigens keine erkennbaren Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Spielerinnen und Spielern, ebensowenig irgend welche Korrelationen zur Dauer der Zugehörigkeit zur Gruppe.

Bei knapp der Hälfte der Befragten, die "Selbstvertrauen" benennen, finden sich auch Hinweise auf eine gelernte größere Offenheit gegenüber anderen Menschen und sich selbst gegenüber sowie mehr Mut beim Angehen von Problemen. Dieser Befund erscheint erklärlich, bedenkt man, dass "Offenheit" und "Mut" notwendige "theatrale Tugenden", nämlich Voraussetzungen des Zusammenspiels mit anderen und der Präsentation vor Zuschauern sind.

Etwa gleich häufig bestehen Korrelationen zwischen "Selbstvertrauen" und "Kathartische Wirkung/ Lösung". Diese Kategorie umfasst das Ausagieren von Konflikten und Spannungen mittels des Theaterspiels ebenso wie der dadurch ausgelöste quasi therapeutische Effekt der Spannungslösung und Beruhigung bis hin zum Finden wirklicher Lösungen.

Der zweithäufig genannte Aspekt der Persönlichkeitsveränderung ist jedoch "gesteigerte Kreativität/ Ausdrucksfähigkeit". Diese Veränderung hängt mit hoher Wahrscheinlichkeit unmittelbar mit dem theatralen Tun in der Gruppe zusammen. Der Zuwachs an künstlerischer Kompetenz beschränkt sich jedoch nicht auf das eigentliche Theaterspielen, sondern wird in seiner positiven Wirkung auf die ganze Persönlichkeit des Spielers/ der Spielerin gesehen.


4.2.3 Theaterspielen und Glück

Die überwiegende Mehrheit der Befragten antwortete auf die Frage: "Kann Theaterspielen glücklich machen, hast Du das schon einmal erlebt?" mit einem spontanen "ja". Manchmal enthusiastisch-verklärt, wie bei einer 18-Jährigen: "Theater kann manchmal so glücklich machen, dass man es kaum noch aushält", in vielen Fällen verständlicherweise gefolgt von einer längeren Pause, wenn man nach konkreten Erinnerungen, also Beispielen solcher Glücksempfindungen fragte.

Die Auswertung unserer Kategorisierungen zeigt hier, wenig überraschend, dass Glücksmomente am häufigsten bei den Aufführungen erlebt werden, und zwar ganz besonders, auch dies sicher keine überwältigende Entdeckung, bei positiven Reaktionen und beim Applaus des Publikums -16 Nennungen. Kaum weniger häufig sind der Stolz auf das Geleistete -14- oder die Auflösung von vorher erlebtem Lampenfieber und Druck, wenn man erlebt, dass die Aufführung "klappt", "gut ankommt" -13-. Nicht eben selten -11 Nennungen - wird auch ein Gefühl der Freiheit beim Spielen beschrieben, plötzlich ist man eins mit der Figur, alles funktioniert wie von selbst, intuitiv agiert und reagiert man richtig, ein Gefühl, das mit Mihaly Csikszentmihalyi als „Flow“ bezeichnet werden kann (15). Last not least ist aber auch noch das besondere Hochgefühl der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den Anderen in der Gruppe -9 Nennungen - zu erwähnen.


4.2.4 Theaterspielen als Probehandeln, Kommunikation mit dem sozialen Umfeld

Ein weiterer größerer Teil der Interviews war den Themenkomplexen "Rollenspiel/ Probehandeln" einerseits und der "Kommunikation mit dem sozialen Umfeld" andererseits gewidmet. Den Überlegungen von Wilhelm Schmid folgend ist davon auszugehen, dass „die häufige, geradezu gewohnheitsmäßige, spielerische Rollenübernahme ... (sich besonders dafür eignet), um Andere aus ihrer eigenen Perspektive heraus besser verstehen zu lernen und zugleich sich selbst aus anderer Perspektive neu zu erfahren.“ (16) Daraus folgert die zweite, in unserem Zusammenhang hier interessante Einsicht, nämlich dass „das Selbst beim Lebenlernen in keiner Weise auf sein Ego begrenzt (bleibt) ... und die Erfahrung des Blicks von Außen ... sich als grundlegend für jede Lebenskunst erweist.“ (17)

Bezüglich unserer Erhebung ist grundsätzlich anzumerken, dass es häufig nicht eben einfach war, klare Aussagen zu diesen Themenbereichen zu erhalten. Auch die Interviews gerieten an dieser Stelle häufiger als sonst ins Stocken, wobei uns nicht klar ist, ob dies möglicherweise an der Art der hier gestellten Fragen oder etwa daran lag, dass die meisten Jugendlichen vorher solche Überlegungen nie selbst angestellt hatten.

In der Auswertung zeigt sich denn auch, dass bei allen Kategorien zu diesen Fragekomplexen nur jeweils eine Minderheit der Befragten klar zuzuordnende Antworten gab. Am häufigsten noch (14 Nennungen) wurde behauptet, dass beim Theaterspielen erworbene Fähigkeiten wie z.B. verbesserte Ausdrucksmöglichkeit oder größere Offenheit sich auch als Fähigkeiten im "realen Leben" bewähren. Allerdings muss konstatiert werden, dass auf Nachfragen nur selten Konkretes geschildert wurde. Eher erscheint es den Befragten zwar "irgendwie" plausibel, dass ein Transfer solcher Fähigkeiten aus dem Schutzraum des Theaters in die Realität stattfindet, sie haben dies aber in den seltensten Fällen bei sich selbst oder bei anderen in der Gruppe kennengelernt bzw. beobachtet. Mit anderen Worten: Die Selbstäußerungen der Jugendlichen zu diesem Punkt geben letztlich kaum etwas her.

Verlässlicher ist da u.E. die Selbsteinschätzung der 12 Jugendlichen, die ihre Fähigkeit zur Einfühlung gegenüber anderen Menschen als deutlich verbessert empfinden und dies in Zusammenhang mit ihren Versuchen auf dem Theater bringen, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen. Eine andere Folge dieser Beschäftigung mit fiktiven anderen Menschen und ihren Verhaltensmustern sehen immerhin noch 9 Befragte auch in der Erweiterung des eigenen Rollenrepertoires.

Bei aller Bedeutung für ihre persönliche Entwicklung und der hohen Wertschätzung, welche die Jugendlichen dem Theaterspielen entgegenbringen, lassen sich die meisten Befragten durch ihr Theaterspielen nicht von ihrer gewohnten Lebensgestaltung abbringen. Es finden sich in unseren Daten lediglich zwei (Einzel-) Fälle, bei denen angegeben wird, die kontinuierliche Theaterarbeit habe die eigene Lebensgestaltung insgesamt grundlegend verändert.

Dagegen konstatieren immerhin jeweils 12 Befragte bei sich selbst eine "Veränderung der sozialen Beziehungen" bzw. eine "Veränderung der sozialen Kompetenzen" im Zusammenhang mit dem Theaterspielen.

Beim ersten Aspekt beschreibt etwa die Hälfte der Jugendliche als wesentlichste Veränderung, dass die Theaterarbeit in der Gruppe so zeitintensiv sei, dass andere Interessen zwangsläufig zu kurz kommen müssten. Auch die Kontakte zu Freundinnen, Freunden und Bekannten außerhalb der Theatergruppe werden bei vielen Opfer dieser Konzentration auf eine besonders zeitaufwendige Freizeitaktivität. Etwas anders sieht es bei den Jugendlichen aus, die ihre anderweitigen Kontakte vor allem deswegen reduziert haben, weil sie mit den Leuten außerhalb der Gruppe weniger anfangen können als vorher. Da wird etwa konstatiert, durch die Zugehörigkeit zur Theatergruppe habe man erst richtig verstanden, wie oberflächlich das Verhalten und die Gespräche der früheren Freundinnen und Freunde gewesen seien. Hier hat das intensive Zusammensein mit den Menschen in der Theatergruppe reale Folgen für die Beziehung der Jugendlichen zu einem Teil ihres sozialen Umfelds.
für die Beziehung der Jugendlichen zu einem Teil ihres sozialen Umfelds.
Schwingt in den Schilderungen einiger Jugendlicher zu der vorigen Fragestellung zuweilen auch Ärger über den Verlust von Zeit und Muße mit, so werden die an sich selbst festgestellten Veränderungen in der sozialen Kompetenz als durchweg positiv beschrieben: Man sei durch das Theaterspielen toleranter anderen Menschen gegenüber geworden, habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Solidarität mit anderen zu üben. Eine andere von diversen Befragten beschriebene "positive" Veränderung: man sei kompromissbereiter geworden, versuche häufiger, einen Ausgleich mit anderen Menschen zu suchen und zu finden.


4.2.5 Nicht-bestätigte Vermutungen/ Annahmen

Von unserem eigenen Selbstverständnis her wie auch gegenüber den Interviewpartnerinnen und -partnern haben wir stets betont, eine „zieloffene“ Untersuchung durchzuführen. Dennoch sind wir natürlich selbst mit gewissen Annahmen oder Vermutungen in die Arbeit gegangen, die sich nicht zuletzt aus Annahmen über die Wirkung des Theaterspielens in der theaterpädagogischen Fachliteratur oder aus Thesen zur Wirkung kultureller Jugendbildung ableiteten, wie sie z.B. die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung formuliert hat (18). Hier sollen nun einige Punkte beleuchtet werden, wo sich solche Annahmen durch unsere Daten eben nicht bzw. nur bei einem recht geringen Prozentsatz der Befragten bestätigt haben.

Lebenssinn und Perspektive: Obwohl im Interview-Leitfaden deutlich danach gefragt war, wurde lediglich in 6 der 42 ausgewerteten Interviews - (d.h. bei gerade einmal 14 %)
„Sinnfindung“ bzw. „Perspektive“ als Wirkung des Theaterspielens auf die eigene Person
benannt. Ebenfalls auf nur 6 Nennungen kommen wir bei der Kategorie „gesteigerte Zufriedenheit“. Man kann also feststellen, dass zumindest in der Selbstreflexion nur bei einem geringen Teil der Jugendlichen Theaterspielen auch als wesentliche Instanz für ein sinnvolleres und befriedigerendes Erleben der eigenen Existenz gesehen wird.

Nicht einmal in unsere Kategorisierungssystem aufgenommen haben wir eine Begrifflichkeit wie „Orientierung“ oder dergleichen; in unserem Material kommt schlicht keine Äußerung vor, die eine entsprechende Zuordnung rechtfertigen würde.

Auf einen recht geringen Wert, nämlich ebenfalls je 6 Nennungen, kommen - im Gegensatz zur häufigen Nennung von „Selbstbewusstein“ - auch die Begrifflichkeiten „Selbstbestimmtheit“ und „Initiative, Aktivität“. Dies sollte jedoch - v.a. aus Gründen einer möglichen begrifflichen Überlappung dieser Kategorien bei den Befragten - nicht überbewertet werden.

Interessanter erscheint uns, dass von gerade einmal 4 Jugendlichen, und dies nur recht vage, Beschreibungen zur Kategorie „Experiment“, Utopie“, „andere Lebenswelten“ gemacht wurden. Die Annahme, dass ein besonderer Reiz des Theaterspielens für Jugendliche darin besteht, in Kontrast zur eigenen Lebenswirklichkeit fiktionale Gegenwelten entwerfen und spielerisch ausprobieren zu können, wird durch unsere Daten also nicht eben unterstützt.


4.2.6 Unterschiede in den Variablen Alter, Dauer der Gruppenzugehörigkeit, Geschlecht

Die bisher beschriebenen Ergebnisse unserer Befragung können an einigen Punkten zusätzlich differenziert werden, berücksichtigt man das Alter der Befragten, die Dauer ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe bzw. ihr Geschlecht. In allen kategorialen Bezügen, die im folgenden nicht genannt werden, ließen sich bedeutsame Unterschiede hinsichtlich der genannten drei Variablen nicht feststellen.


4.2.6.1 Alter/ Zugehörigkeit zur Gruppe:

Die Gewissheit der Spielerinnen bzw. Spieler, durch das Theaterspielen persönlich zu profitieren und zu wachsen, ist nicht nur insgesamt weit verbreitet (s.o.), sie nimmt nach unseren Daten mit steigendem Alter eher noch zu. Ca. 80 % der befragten Personen über 22 Jahren halten persönliches Wachstum für eine besondere Qualität des Theaterspielens, bei den 13-15-Jährigen und 16- bis 18-Jährigen liegt dieser Prozentsatz nur bei knapp 40 %.

Die Reflektiertheit über das Verhältnis zum Zuschauer als dem Adressaten des eigenen Spielens wächst tendenziell mit zunehmenden Alter. Man macht sich mehr als früher bewusst, dass das Publikum nicht nur Spiegel des eigenen theatralen Tuns ist, sondern möchte ihm etwas geben, sei es, dass er – wie meist bei den jüngeren genannt – seinen "Spaß an der Freud" hat, sei es – dies ist überwiegend den Älteren wichtig –, um ihn zum Nachdenken über sich selbst, über herrschende Lebensformen und Verhaltensweisen zu bewegen.

Eine entgegengesetzte Tendenz lässt sich in Bezug auf die Steigerung von Selbstvertrauen bzw. Selbstbewußtsein und Offenheit als Folge (auch) des Theaterspielens feststellen. Hier finden sich bei den Jüngeren höhere Werte (bei den 13- bis 15- und den 16- bis 18-Jährigen je ca. 61 % für "Selbstvertrauen/ -bewußtheit" und je ca. 40 % für "Offenheit/ Mut" gegenüber etwa 45 bzw. 33 % bei den über 19-Jährigen).

"Spannungslösung" durch das Theaterspielen benennen interessanterweise die ganz jungen und die ältesten Interviewpartnerinnen und -partner besonders häufig (jeweils ca. 54 % bei den 13-bis 15–Jährigen und den über 22-Jährigen). Dies darf auf Basis der Einzelinterviews dahingehend interpretiert werden, dass bei den Jüngsten mit "Spannungslösung" in erster Linie ein Abreagieren des aufgestauten alltäglichen Drucks gemeint ist. Ein 15-Jähriger beschreibt dies mit den Worten: "Wenn ich Theater spiele, da reagiere ich mich irgendwie ab. Die aufgestaute Kraft von der ganzen Woche, die geht da weg. Da power' ich mich halt ab".
Bei den Älteren dagegen wird unter dem Stichwort "Spannungslösung" ein tiefer gehender Vorgang angesprochen, bei dem theatrales Darstellen als Instrument einer - wenn auch nur spielerischen - Harmonisierung von Konflikten und Spannungen des Lebens fungieren kann.

Glücksgefühle werden bei den Jüngsten (13-15 Jahre alt) v.a. durch positive Reaktionen des Publikums auf die eigene Darbietung erzeugt. Bei den etwas Älteren (16-18 Jahre alt) treten gleichberechtigt Stolz auf die eigene Leistung sowie das beglückende Erlebnis gelungenen Teamworks in der Gruppe hinzu. Bei den über 22-Jährigen wird der Stolz auf bzw. die Zufriedenheit mit der eigenen Leistung zum bestimmenden Faktor des Glücks-Erlebnisses.


4.2.6.2 Geschlecht:

Bei einer auszuwertenden Grundgesamtheit von 42 Interviewten beträgt der Anteil der Spielerinnen gegenüber den Spielern 30 : 12; dies entspricht einem Verhältnis von 2,5 weiblichen zu 1 männlichen Person. Signifikante Abweichungen von diesem Verhältnis finden sich bei folgenden Kategorierungen:

Spaß als besondere Qualität des eigenen Theaterspielens wird von knapp 57 % der Mädchen bzw. Frauen, aber nur von 1/3 der männlichen Befragten genannt. Eine ähnliche prozentuale Verteilung findet sich bei der Betonung des Gruppengefühls. Hier beträgt das Verhältnis ca. 63 zu 41 %. Unseren Daten zufolge sind den weiblichen Angehörigen der Theatergruppen also Gemeinsamkeit mit Anderen und der Spaß wichtiger als den männlichen Jugendlichen.

Umgekehrt verhält es sich bei der Kategorie "Persönliches Wachstum". Hierin sehen über 58 % der Spieler eine entscheidende Qualität des Theaterspielens, aber nur knapp 37 % der Spielerinnen heben diesen Aspekt besonders hervor.

Ein u.E. besonders wichtiger, weil überaus klarer Befund im Rahmen der Geschlechtervariabilität findet sich bei drei Kategorien des Begriffsfeldes "persönliches Wachstum", nämlich "Selbstvertrauen/ - bewußtheit", "Selbstbestimmtheit" und "Initiative, Aktivität". Schon bei jeder einzelnen der drei Kategorien ist der Anteil der Nennungen bei Mädchen bzw. Frauen signifikant höher als bei den Männern bzw. Jungen. Noch deutlicher wird dieser Unterschied, fasst man die drei Kategorien als verschiedene Facetten einer stärkeren Durchsetzung der Bedürfnisse des Selbst gegenüber Erwartungen von Anderen und zählt sie entsprechend zusammen; dann ergeben sich bei den Mädchen und Frauen 19 und 5 sowie 6, also insgesamt 30 Nennungen, während es die Jungen bzw. Männer hier nur auf 5 und 1 sowie 0, insgesamt also 6 Nennungen bringen. Daraus lässt sich auch bei vorsichtiger Deutung klar ablesen, dass Spielerinnen in Bezug auf die Dimension "Stärkung des eigenen Selbst" stärker vom Theaterspielen profitieren als die Angehörigen des sog. "starken Geschlechts". Dies steht u.E. nur scheinbar im Widerspruch zum soeben dargestellten Befund, dass mehr Männer und Jungen "persönliches Wachstum" als besondere Qualität des eigenen Theaterspielens behaupten. Die weiblichen Angehörigen der befragten Theatergruppen stellen hier zwar "Spaß" und "Gruppengefühl" in den Vordergrund, profitieren aber „nebenbei“ mehr als Jungen bzw. junge Männer in Bezug auf Selbstwertgefühl und Selbstbestimmung.

Abschließend möchten wir auf einige weitere, wenngleich nicht ganz so deutliche Unterschiede hinweisen: Während die Jungen bzw. die jungen Männer überproportional oft für sich in Anspruch nehmen, dass das Theaterspielen bei ihnen zu einer Erweiterung des Rollenrepertoires geführt habe (33 gegenüber 20 %) und dass beim Theaterspielen erworbene Fähigkeiten ihnen auch außerhalb der Theatergruppe gute Dienste leisten (42 zu 30 %), betonen die Mädchen und jungen Frauen als weitere Auswirkung des Theaterspielens eine Erweiterung ihrer sozialen Kompetenzen (30 zu 17 %). Diese Abweichungen scheinen uns gerade auch deshalb interessant, da sie im Einklang mit tradierten und offenbar immer noch gültigen weiblichen bzw. männlichen Rollenbildern stehen.


5 Interpretationen und Folgerungen

Versucht man sich - unter Einbezug auch der Gespräche mit den Gruppenleiterinnen und -leitern und der subjektiven Eindrücke und Erfahrungen bei den Reflexions-Workshops - darüber klar zu werden, was diese Feststellungen letztlich wert sind, so sind u.E. zunächst einmal Zurückhaltung und Bescheidenheit angebracht. Schließlich operieren wir auf einer immer noch ziemlich schmalen Datenbasis, und bei den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln war es auch nicht möglich, in teilnehmender Beobachtung über einen längeren Zeitraum objektivierbare Daten über die Entwicklung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sammeln und auszuwerten, sondern „lediglich“, diese über sich selbst zu befragen - mit allen Unwägbarkeiten, die sowohl Interview-Methoden im Allgemeinen wie introspektive Befragungen im Besonderen mit sich bringen können: Subjektivität und Suggestivität, Tendenz zu scheinbar oder tatsächlich erwünschten Äußerungen, Einschränkung der Fähigkeit zu angemessener Selbstwahrnehmung etc.

Auf der anderen Seite sei ganz unbescheiden der Anspruch formuliert, dass hi
r - zumindest was den deutschsprachigen Raum angeht - durchaus Neuland bei dem Versuch betreten wurde, Einsichten über die Wirkung des Theaterspielens nicht allein aus begrenzten Einzelerfahrungen abzuleiten oder einem plausiblen hermeneutischen Konstrukt auch Wahrscheinlichkeit und Wahrheit zuzusprechen. Animiert man die jugendlichen und jungen Spielerinnen und Spieler zu Selbstäusserungen über ihr eignes Tun, so ist „Objektivität“ dieser Methode sicherlich noch ganz fern, erreicht wird dadurch aber immerhin, wie wir glauben, eine „kontrollierte Subjektivität“ in dem Sinne, dass hier die Betroffenen umfassend selbst zu Wort kommen und kategoriale Zuordnungen auf Grundlage ihrer Äusserungen, also in induktiver Vorgehensweise, vorgenommen werden. Die Folgerungen aus dieser Studie können demnach zwar nicht als gesicherte Erkenntnisse, immerhin aber als wahrscheinliche und belegbare Hypothesen über die Wirkung des Theaterspielens bei Jugendlichen verstanden werden. Gleichzeitig sind sie ein geeignetes Kontrollinstrument für in hermeneutischer Weise gewonnene Annahmen über die Wirkungen des Theaterspielens ganz allgemein.


5.1 Selbstwertgefühl und Persönlichkeitsentfaltung

Unsere Studie stützt ganz klar die Annahme eines nachhaltigen und von den Betroffenen selbst als positiv empfundenen Einflusses des Theaterspielens auf die Stärkung des Selbstwerts und die Entfaltung der Persönlichkeitx (19). Dies gilt insbesondere für die folgenden Dimensionen der Persönlichkeit:
> Förderung von Selbstvertrauen und des Selbstbewusstseins und von persönlichen Fähigkeiten wie Mut und Offenheit
> besseres Kennenlernen der eigenen Person durch das Erlebnis persönlicher Grenzen
> Erweiterung der Möglichkeiten des Selbstausdrucks
> als gesteigert empfundenes kreatives Vermögen im Allgemeinen

Der offenkundige Einfluß des Theaterspielens im Sinne einer Veränderung der Persönlichkeit ist hinsichtlich der ersten beiden genannten Dimensionen erklärbar, bedenkt man, dass Theater ein Medium ist, das wesentlich auf der Präsentation, dem Sich-Aussetzen einer Person auf der Bühne beruht. Zwar ist diese Person nicht identisch mit dem Ich, sie ist allenfalls „Ich selbst als ein anderer“ (20); geschaffen wird sie aber in einem komplexen Prozess der Entäußerung und Verwandlung der Person, welcher Mut und ein Sich-Einlassen-Können erfordert und fördert. Macht man mit diesem Prozess positive Erfahrungen, lässt dies beinahe zwangsläufig auch das Vertrauen zu sich selbst wachsen.

Über diese allgemeine Feststellung hinaus legen die Auswertungsergebnisse einen besonders starken Einfluss auf Selbstwertgefühl und Persönlichkeit der theaterspielenden Mädchen bzw. jungen Frauen nahe.

Mit den beiden letzten der oben genannten vier Wirkungsdimensionen wird die Bedeutung des Theaterspielens für die ästhetisch-kommunikative Entwicklung der Persönlichkeit unterstrichen: „In einer Welt, die mehr und mehr dahin tendiert, nur noch Eindrücke zu vermitteln, geht die überlebensnotwendige Eigenschaft verloren, die Eindrücke auch zu einem Ausdruck zu formen. Ausdruck meint in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, die äußeren Eindrücke emotional und intellektuell so zu verarbeiten, dass ein sinnstiftender Zusammenhang in der Wahrnehmung der Welt hergestellt werden kann“ (21). Theaterspielen als komplexes, körperlich-emotional-geistig forderndes und förderndes Tun verbessert offenbar nicht nur einen spezifisch theatralen, sondern den Selbstausdruck der Person im Allgemeinen. Im Sinne des obigen Zitats wird es der jugendlichen Spielerin und dem jugendlichen Spieler möglich, Erlebtes und Wahrgenommenes in kreativer Weise zu verarbeiten.


5.2 Auswirkungen auf die Lebensrealität

Wenn auch weniger deutlich als beim Thema Persönlichkeitsentfaltung, so untermauert unsere Studie dennoch einige Annahmen zur Auswirkung des Theaterspielens auf die sonstige Lebenswelt der Jugendlichen (22). Hier lassen sich insbesondere folgende wahrscheinliche Wirkungen festhalten:
> als positiv empfundener Transfer der oben beschriebenen spezifischen Persönlichkeitsveränderungen auf das sonstige Leben,
> als positiv empfundene Veränderungen im persönlichen Umfeld.

Obwohl in unserer Befragung nur selten als persönliche Erfahrung oder am konkreten Beispiel beschrieben, kann die Übertragung der durch das Theaterspielen spezifisch geförderten Fähigkeiten (vgl. oben, Abschnitt 4.2.1) auf das tägliche Leben als wahrscheinlich angenommen werden. Es erscheint in der Tat auch sehr plausibel, dass eine Spielerin oder ein Spieler, die bzw. der sich beim Theaterspielen offener und mutiger zeigt als früher, dies mittelfristig auch im Verhältnis zu seinen Freunden, Lehrern oder Eltern schafft. Unmittelbar einleuchtend ist auch, dass ein verbessertes Ausdrucksvermögen auf der Bühne positive „Nebenwirkungen“ etwa im Schulfach Deutsch hat oder die Formulierung eigener Bedürfnisse in anderen sozialen Situationen erleichtert.

Soweit unsere Interviewdaten Aussagen über eine Veränderung in den sozialen Beziehungen erlauben, deuten sie darauf hin, dass das Theaterspielen Prozesse der Differenzierung im persönlichen Umfeld der Spielerinnen und Spieler initiieren kann; neue und auf andere Inhalte und Themen fokussierte Freundschaften werden eingegangen, begleitet von einem Gefühl einer veränderten Prioritätensetzung in Bezug auf Andere.


5.3 Erwerb bzw. Verbesserung sozialer Fertigkeiten

Nach unseren Daten ist weiterhin eine Verbesserung der sozialen Kompetenz Jugendlicher (auch) als Folge des Theaterspielens wahrscheinlich. Diese Wirkung des Theaterspielens betrifft sowohl den sozialen Mikrokosmos in der spielenden Gruppe als auch den sozialen
Makrokosmos (23) und bezieht sich insbesondere auf die beiden folgenden Bereiche der Interaktion mit Anderen:
> die Förderung von Einfühlungsvermögen und Toleranz,
> die Förderung von Solidarität, Verantwortungsgefühl und Kompromissfähigkeit.

Die Feststellung, dass Theaterspielen die Fähigkeit zur Empathie fördert, bestätigt eine verbreitete These der einschlägigen theaterpädagogischen Literatur zur mutmaßlichen Wirkung des Theaterspielens (24). Differenzierend sei angemerkt, dass dies wahrscheinlich besonders stark auf Angehörige des weiblichen Geschlechts zutrifft.

Die in der zweiten Gruppe aufgeführten sozialen Fertigkeiten stehen sicherlich in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der gruppendynamischen Qualität des Theaterspielens, die sich vergleichbar auch in anderen kulturell orientierten Gruppen, z.B. in musizierenden Jugendgruppen, finden lässt. Auch dort kann man etwa lernen, Verantwortung zu übernehmen oder sich in Solidarität mit anderen Gruppenangehörigen zu üben. Speziell und spezifisch für das Theaterspielen scheint uns indes die Kombination der aufgeführten drei Eigenschaften, die auf eine beim Theaterspielen besonders gegebene Situation verweist: die Verbindung einer zielgerichteten Gruppenaktivität mit einem hohen Maß an Selbstbestimmung und an
Entscheidungsspielräumen bei den beteiligten Jugendlichen.


5.4 Sinnfindung und Orientierung, alternative Lebensentwürfe

Neben den bisher behandelten Punkten, in denen wir durchweg mit unseren Daten die vermuteten psychosozialen Wirkungen des Theaterspielens bestätigen können, sollen abschließend wichtige Felder möglicher Wirkungsdimensionen diskutiert werden, in denen unsere Erhebung keine oder nur eine sehr vage Unterstützung liefert bzw. den Hypothesen sogar deutlich widerspricht.

Es kann aufgrund der gesammelten Daten eher nicht bestätigt werden, dass
> ein großer Zusammenhang zwischen Theaterspielen und einer generell als befriedigender erlebten Lebenssituation besteht;
> aktives Theaterspielen unmittelbar zu einem sinnerfüllteren Leben beiträgt;
> Theaterspielen eine wesentliche Orientierungshilfe für die Bewältigung von Alltagskonflikten und in der Auseinandersetzung mit der Realität allgemein bietet.

Aufgrund unserer Daten ist es darüber hinaus sogar ziemlich unwahrscheinlich,
> dass Jugendliche im Theaterspielen ein Medium sehen und nutzen, um fiktionale Gegenwelten und -entwürfe zu ihrer gegebenen Lebenswelt zu entwerfen.

Was die ersten drei Punkte angeht, so beziehen sich diese auf in der Literatur häufiger vermutete Wirkungen der Theaterarbeit mit Jugendlichen bzw. der Jugendkulturarbeit allgemein (25). In unseren Interviews und bei den Workshops mit den Jugendlichen haben wir nur in Einzelfällen Belege für entsprechende Wirkungen des Theaterspielens finden können. Man mag einwenden, dass introspektive Befunde und Einschätzungen zu diesen Fragen ein hohes Maß an kritischer Distanz zu sich selbst erfordern. Da diese bei anderen Fragestellungen in unseren Interviews aber bei fast allen Befragten erstaunlich ausgeprägt war, erscheint uns der Einwand dennoch nicht allzu plausibel.

Naheliegender liegt u.E. die Interpretation, dass hier dem Theaterspielen bzw. der kulturell-künstlerischen Betätigung allgemein vielleicht ein bißchen viel an erwünschter Wirkung „aufgebürdet“ wird. Wer an ein oder zwei Abenden pro Woche mit sympathischen Menschen kreativ arbeitet, wird, wenn andere Bereiche seines Lebens überwiegend negative Erfahrungen bereithalten, kein durchweg zufriedener Mensch sein - auch wenn es ihm ohne diese beiden Abende vermutlich schlechter ginge. Und damit jemand sein Leben als „sinnerfüllt“ empfindet, müssen nicht nur in der Theatergruppe, sondern auch in elementaren Lebensbereichen wie Schule, Arbeit, Liebesbeziehungen weitere sinnstiftende Elemente vorhanden sein.

Es sei hier eine weiter gehende Spekulation gestattet: Begriffe wie „Sinnfindung“ und „Orientierung“ sind sozialwissenschaftlich-soziologische Konstrukte Erwachsener, die hier auf Jugendliche angewendet werden, für deren heutige Lebenswelt diese Kategorien möglicherweise keine große Bedeutung mehr haben. Eine solche Vermutung wird gestützt durch den Befund eines erheblichen Wertewandels, v.a. der intrapersonalen und überindividuellen Gültigkeit von Werten, in jüngster Zeit (26). Wir leben in einer Gesellschaft, in der Orientierung mehr und mehr ein rasches Reagieren auf aktuelle und wechselnde Gegebenheiten darstellt, in der Jugendliche sich „situationsgemäß und reagibel den eigenen Wertecocktail zusammenbasteln, ebenso, wie man sich in Eigenregie seine Biografie zusammenbastelt“ (ebenda). Ist es da allzu weit hergeholt zu ver
uten, dass das Bedürfnis nach Orientierung und Sinn vielleicht eher eines der (erwachsenen) Beobachter von Jugendlichen als eines der Jugendlichen selbst ist? Im Rahmen dieser explorativen Studie müssen wir es mit dieser vagen Vermutung allerdings auch schon bewenden lassen.

Wichtig erscheint uns noch ein letzter Punkt: Eine äußerst geringe Bedeutung hat bei heutigen Jugendlichen offenbar die Qualität des Theaterspielens, als Instrument oder Ausdrucksform zur Formulierung von „alternativen Welten“, von experimentellen Gegenentwürfen oder gar Utopien zu fungieren, auch dies eine verbreitete These in der einschlägigen Literatur (27). Unsere Befunde stützen diese Annahme nicht. Im Gegenteil kann aufgrund der Interviews u.E. davon ausgegangen werden, dass solche Kategorien für fast alle Jugendlichen unwichtig sind bzw. in ihrem Denken keine Rolle spielen. Dies deckt sich im Übrigen mit den Befunden der neuesten Jugendstudie, nach denen junge Menschen heute - durchaus nüchtern - konkrete privat-familiäre und berufsbezogene Zukunftsperspektiven im Auge haben und sich kaum an hochfliegenden persönlichen oder gar gesellschaftlichen Wunschvorstellungen und Utopien versuchen. Man mag dies bedauern oder auch nicht, sollte es aber auch dann zur Kenntnis nehmen, wenn man zu einer Generation gehört, deren politische Avantgarde in jungen Jahren, an Bloch oder Marx geschult, studentenbewegt für Utopien auf die Straße zog.


5.5 Diskussion der Ergebnisse unter dem Aspekt der Lebenskunst

Theaterspielen wirkt sich auf die Jugendlichen, die es aktiv praktizieren, mit hoher Wahrscheinlichkeit also förderlich auf ihr Selbstbewusstsein, auf ihre Offenheit anderen Menschen und Anforderungen gegenüber, auf ihren Mut, sich einzubringen und etwas anzugehen, sowie auf ihren Selbstausdruck und ihr kreatives Vermögen allgemein aus. Es ist anzunehmen, dass diese im Theaterspiel wirksam werdenden, durch Theaterspiel geförderten Eigenschaften sich auch in den Alltag hinein verlängern.

Für eine andersartige Wirkung des Theaterspiels, etwa im Sinne einer Steigerung von Selbstbestimmung, Aktivität und Initiative oder der Entwicklung vermehrter sozialer Verantwortlichkeit konnten wir lediglich Einzelbelege erhalten. Generalisierte Aussagen sind somit nicht möglich.

Wir wollen im folgenden einige Aussagen zur Lebenskunst aus verschiedensten Blickwinkeln mit unseren Ergebnissen vergleichen.

Ulrich Baer (28) hat in seinem Beitrag Thematiken exemplarischer Lebensbereiche genannt, die als Ziele gelernter Lebenskunst“ angesehen werden können:
> Ausgleich von individueller Verwirklichung und sozialen Interessen,
> Verantwortung für sich und andere ausüben,
> Entwicklung und Darstellung von Bildern von sich selbst,
> sich organisieren können, d.h. Ideen und Werte in konkrete Lebenspraxis umsetzen,
> Ambiguitätstoleranz: Widersprüche und Unmöglichkeiten aushalten lernen,
> Wahlfähigkeit und Entscheidungskompetenz gewinnen.“
Wenn Theater so auf Jugendliche wirkt, wie es sich in den Ergebnissen unserer Untersuchung darstellt, dann läßt sich keine der von Baer formulierten Lebenskunst-Lernleistungen für dieses Segment kultureller Bildungsarbeit unmittelbar nachweisen. Andererseits gehen wir aber davon aus, dass die gewonnenen Befunde Voraussetzungen darstellen, die der Erreichung der von Baer genannten Zielvorstellungen förderlich sind: ein Ausgleich individueller Verwirklichung mit sozialen Interessen kann schlechterdings nicht hergestellt werden, wenn ein Individuum nicht über nötige Offenheit und den Mut, diesen Ausgleich – wie konkret und in welchem Zusammenhang auch immer - anzugehen, verfügt. Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sind ebenso als Voraussetzungen dafür anzusehen, eine Ambiguitätstoleranz zu pflegen, die eben nicht nur geducktes, passives Erdulden von Widersprüchen und Unmöglichkeiten ist. Theaterspiel scheint also wichtige Qualifikationen als Vorbedingung der Erreichung solcherart Lebenskunstcharakteristika zu sein.

Wilhelm Schmid hat in einem vielbeachteten Grundsatzreferat zur Tagung des Bundesverbandes Theaterpädagogik „Lebenskunst als theaterpädagogische Leitidee“ im Mai 2000 in mehreren Passagen Gedanken formuliert, die wir im Licht unserer Ergebnisse erneut diskutieren möchtenxxix. So hat er darauf hingewiesen, dass ein durch theatralisches Üben „selbstmächtiger“ gewordenes Individuum, ein durch Selbstliebe und Selbstfreundschaft gestärktes Selbst erst in der Lage ist, starke Beziehungen zu Anderen zu begründen. Weiterhin beschreibt er das Theater als Ort der „hermeneutischen Fülle“, der unendlich Deutungsstoff zu bieten hat und einer Sinngebung des Lebens zuarbeitet. Die Bühne als Stätte der experimentellen Erprobung ganzer Existenzentwürfe – so Schmid - aktiviere Träume und Visionen, die Produktion neuer Möglichkeiten.

So plausibel uns die beiden letzten Sichtweisen auch erscheinen, so deckungsgleich mit eigenen Mutmaßungen, so wenig werden doch von den Jugendlichen unserer Untersuchung entsprechende Anmerkungen formuliert. Sinnfindung durch und im Theaterspiel findet in der Wahrnehmung der Jugendlichen nur vereinzelt statt. Ein Zusammenhang zwischen Sinngebung und Theaterspielen wurde auch trotz gelegentlich ausdrücklicher Nachfrage nicht bestätigt. Auch die Nutzung des Theaters zum experimentellen Entwurf von Lebensplänen oder gesellschaftlichen Utopien wird von den Jugendlichen nicht eingeräumt. Einzig im ersten genannten Aspekt sehen wir eine Nähe zum Ergebnis unserer Studie: Theaterspielen fördert mit hoher Wahrscheinlichkeit die Stärkung des Selbst, die Selbstmächtigkeit, wie Schmid sie nennt, die sich bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Untersuchung als wahrgenommene Steigerung des Selbstvertrauens, der Selbstbewusstheit und Selbstsicherheit äußert.

In einem Zeitungsartikel stand zu lesen, dass sich „immer mehr junge Menschen (weigern), erwachsen zu werden“: Jeder sechste 28-Jährige lebt heute noch im Haushalt seiner Eltern bzw. seiner Mutter; für Jugendliche und junge Erwachsene scheine es gegenwärtig nicht mehr angesagt, sich am mächtigen Über-Ich, an frommen Vorschriften und strengen Erwartungen der ehrgeizigen Eltern abarbeiten zu müssen, an Haltungen, denen eine eigene Version, eine Alternative entgegenzusetzen wäre (30). Dass die Jugendlichen unserer Erhebung in nur höchst geringem Maße im Theater einen Ort der Vision oder Utopie, des Entwurfs von Gegenrealitäten sehen, mag sich auch mit einer relativ traditionellen Lebensvorstellung in der Orientierung junger Menschen der Gegenwart erklären lassen: In der Shell-Studie Jugend 2000 wird deutlich, dass die überwiegende Mehrheit der zeitgenössischen Jugendlichen sich an der Zentralstellung der Familie orientiert, die emotionalen Rückhalt bietet, Verlässlichkeit, Treue, Häuslichkeit und Partnerschaft (31). - Nichts gegen Familie, aber die heutige Elterngeneration war in ihrer Jugendzeit doch etwas vielfältiger in ihren Visionen ...

Das Themenheft von Psychologie heute (32) hebt als Essentials für Lebenskunst hervor:
> Mit anderen gut leben
> Sich selbst Gutes tun
> Stress vermeiden
> Krisen meistern.

Im Beitrag „Sich glücklich fühlen – Rezepte für ein Langstreckenglück“ findet sich u.a. ein Statement, das in unserem Zusammenhang interessant ist: Wer in Arbeit und Freizeit solche Aufgabe sucht, die ihn voll fordern, wird „Flow-Gefühle“ haben, wird stolz sein können auf seine Leistungen und sein Selbstwertgefühl steigern (33).

Sich der Anforderung des Theaterspielens zu stellen, eine Disziplin im Üben zu entwickeln, die Anstrengung bei der Erweiterung von (tatsächlichen oder vermeintlichen) Grenzen nicht zu scheuen, an der Verbesserung der eigenen Ausdrucksfähigkeit zu feilen, dadurch Glücks-, „Flow“-Erlebnisse zu haben und Stolz zu empfinden auf die eigene (Gruppen-)Leistung etc., sind natürlich Merkmale, die wir aus unserer theaterpädagogischen Arbeit kennen und die z.T. auch von den Jugendlichen in unserer Untersuchung bestätigt worden sind. Damit scheinen auch genau die Erlebnishintergründe dafür beschrieben zu sein, dass die Jugendlichen – und das ist immerhin der zentrale Befund unserer Studie – in Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein einen deutlichen Zuwachs verspüren.

Wir kommen zum Schluss. Natürlich fördert Theaterspielen die Lebenskunst! Man sollte sich von Prozentzahlen und Signifikanznachweisen nicht den Blick für Einzelbefunde verstellen lassen. Denn egal, ob die überwiegende Anzahl der Befragten einen Zuwachs an Selbstbewusstsein für sich verbucht oder ob eine Minderheit von sich sagt, ihre Empathie in Beziehungen zu anderen Menschen sei durch Theaterspiel gewachsen oder ob Einzelne auf je eigene Weise kundtun, ihre Emotionalität sei differenzierter geworden, sie würden durch Theaterspiel einen Lebenssinn finden oder sie hätten sich ein erweitertes Rollenrepertoire erarbeitet ... - all dies sind doch Belege dafür, dass die jungen Leute bereichert aus ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit Theaterspielen herausgehen. Keine/r hat ausgesagt, Theaterspielen täte ihr/ ihm nicht gut; keine Aussage war dahingehend zu interpretieren, das Theaterspielen hätte sich beschränkend, verengend, deprimierend, verunsichernd oder sonstwie problematisch ausgewirkt. (Allerdings wäre interessant, von Jugendlichen, die die Teilnahme an der Theatergruppe irgendwann abgebrochen haben, zu erfahren, welche Gründe sie dazu führten. - Eine solche Kontrollgruppe war jedoch in unserer Pilotstudie nicht vorgesehen.)

Lebenskunst Theater also? - Die Künstlerinnen und Künstler der Bühne haben es schon immer gewusst. Die jugendlichen Darsteller und Darstellerinnen unserer Studie haben diese schlichte Weisheit in prägnante Formulierungen gepackt: Das Schlusswort haben also die Jugendlichen mit einer Auswahl von Statements aus der sog. Schweigediskussion unserer Workshops, die als nachträgliche Begründung für unsere Behauptung zu verstehen sind.

Theater ist eine Lebenskunst, denn man muss auf die unmöglichsten Situationen eine Antwort finden.

Theater ist eine Lebenskunst, denn jedes Ding entwickelt sich erswt mit der Zeit zu Perfektionismus.
Theater ist eine Lebenskunst, denn für manche ist es die Kunst d
s Lebens.
Theater ist eine Lebenskunst, denn es schadet nicht und erfreut.
Theater ist eine Lebenskunst, denn es geht im Leben nicht nur darum Geld zu verdienen.
Theater ist eine Lebenskunst, denn man muss oft flexibel sein, und Neues rauscht auf einen zu.
Theater ist eine Lebenskunst, denn jeder, der Theater spielt, merkt, dass in ihm ein Lebenskünstler steckt.
Theater ist eine Lebenskunst, denn man geht keiner von vornherein festgelegten Tätigkeit nach, sondern improvisiert und wurschtelt sich so durch.
Theater ist eine Lebenskunst, denn man findet sich und seine Grenzen.
Theater ist eine Lebenskunst, denn sie vereint Vieles: Bewegung, Tanz, Musik, Stimme, Interaktion und Kommunikation.
Theater ist eine Lebenskunst, denn sie schafft Raum für Menschen und im Menschen.
Theater ist eine Lebenskunst, denn man kann so irre viel ausprobieren.
Theater ist eine Lebenskunst, denn man steht im Mittelpunkt, ohne als Person selbst wichtig zu sein.
Theater ist eine Lebenskunst, denn verwirklicht sich selbst, ohne andere zu behindern.
Theater ist eine Lebenskunst, denn Kunst öffnet Grenzen im Denken, und durchs Theater werde ich offen, und Kunst ist frei.
Theater ist eine Lebenskunst, denn das Leben ist ein großes Theater, und wir sind die Künstler.
Theater ist eine Lebenskunst, denn das Leben ist nichts anderes als Theater: manchmal machen wir anderen was vor, manchmal wollen wir Freude bereiten.
Theater ist eine Lebenskunst, denn Kunst heißt auch Gegensätze zu vereinbaren: In der Theatergruppe sind wir alle sehr verschieden, aber wir lernen uns kennen und akzeptieren.
Theater ist eine Lebenskunst, denn ich lerne, alles mit Humor zu sehen.
Theater ist eine Lebenskunst, denn ich muss immer da sein, Kräfte mobilisieren, werde offener für mich und meine Welt und kann volle Kanne aus meinem Phantasietopf schöpfen.
Theater ist eine Lebenskunst, denn so finde ich zwischen Freude und Leid einen Weg zu überleben.
Theater ist eine Lebenskunst, denn man verbindet sich selbst mit einer selbst erschaffenen Welt.
Theater ist eine Lebenskunst, denn Theater und Kunst ist Leben.
Theater ist eine Lebenskunst, denn es schenkt Freude.
Theater ist eine Lebenskunst, denn es gibt Anstöße immer wieder neu/ anders zu denken und zu fühlen.
Theater ist eine Lebenskunst, denn es öffnet einem die Augen und das Herz für das Anders-Sein anderer Menschen, die ich tolerieren und akzeptieren lerne.
Theater ist eine Lebenskunst, denn es hilft uns, unser Leben kreativ zu gestalten.
Theater ist eine Lebenskunst, denn das Leben ist eine Bühne und die Welt dein Publikum.
Theater ist eine Lebenskunst, denn jeder ist ein Kunstwerk für sich.
Theater ist eine Lebenskunst, denn das Leben ist eine Kunst.


6 Ausblick

Wir haben in einer nicht-repräsentativen Stichprobe mit gezielt-zufällig ausgewählten jungen Menschen, die in verschiedenen bundesdeutschen Städten einer gleichartigen gruppenbezogenen Freizeitbeschäftigung nachgehen, nämlich Theater zu spielen, untersucht, wie diese Form einer kulturellen Aktivität auf die Betroffenen, konkret auf ihre individuellen und sozialen Haltungen und Verhaltensweisen, nach subjektivem Empfinden und eigenem Bekunden Wirkung ausübt. Wir haben nicht überprüft, ob die Äußerungen der Befragten „wahr“ sind. Wir haben weiters nicht erforscht, ob Verhaltensänderungen langfristig und objektiviert nachzuweisen sind. Wir können gar keine Aussagen darüber machen, ob die diagnostizierten Wirkungen des Theaterspiels tatsächlich vom Theaterspielen ausgelöst worden sind oder sich nicht sowieso im Laufe einer bewegten Jugendzeit eingestellt hätten. Wir haben nicht die Statements von Vergleichsgruppen herangezogen, um etwa sagen zu können, musizierende, in Sportvereinen organisierte, Internet-Cafés besuchende, in Jugendorganisationen von Parteien oder Gewerkschaften aktive oder anderen Freizeitgruppenangeboten nachgehende Jugendliche machen konträre oder vergleichbare Erfahrungen. Wir haben ebenfalls nicht mit in unsere Analyse aufgenommen solche Jugendlichen, die ihre Teilnahme an Theatergruppen irgendwann abgebochen haben. Aber all dies profund und professionell zu untersuchen träfe auf unser nachhaltiges Interesse.

Ein wünschenswertes Forschungskonzept zur weiteren Erhellung der Frage nach der besonderen „psychosozialen Wirkung des Theaterspiels auf Jugendliche“ sähe dann so aus:
> Zusätzlich zum Instrument der Befragung können „teilnehmende Beobachtungen“ über einen längeren Zeitraum hin angestellt werden, deren Ergebnisse mit Eigenaussagen korreliert werden.
> Anhand der in der vorliegenden Pilotstudie aus authentischen Äußerungen der Jugendlichen gewonnenen Kategorien kann ein objektivierender, standardisierter Fragebogen entwickelt werden.
> Der Fragebogen kann darüber hinaus gezielt gängige Vermutungen über die Wirkungen von Theaterspiel operationalisieren.
> Der Fragebogen kann mit einer repräsentativen Stichprobe von in festen Gruppen theaterspielenden Jugendlichen eingesetzt werden.
> Ein weiterer Untersuchungsansatz kann die Besonderheit der theaterpädagogischen Interventionen eines Spielleiters/ einer Spielleiterin als eine bislang unbeachtete Variable in Beziehung setzen zu erhobenen Wirkungen.
Ein modifizierter Fragebogen kann die besonderen Wirkungen des Theaterspiels auf Jugendliche erheben, die die Teilnahme an der Theatergruppe – aus welchen Gründen auch immer - abgebrochen haben.
> Ein zweiter modifizierter Fragebogen kann die besondere Wirkungen anderer (kultureller) Freizeitgruppenaktivitäten im Vergleich zum Theaterspiel erfassen.
> Die Befragung in einer Kontrollgruppe von Jugendlichen, die nicht ausdrücklich eine organisierte Freizeitaktivität pflegen, kann Aussagen über gereralisierbare Entwicklungslinien im Jugendalter machen.


7 Anhang

7.1 Definition der Kategorien

Besonderheit des Theaters allgemein und speziell der eigenen Theatergruppe
Fragen: Was ist für dich wichtig/ wesentlich/ bedeutsam am Theater allgemein?
Was ist für dich wichtig an einer/ deiner Theatergruppe im besonderen? - Was gefällt dir besonders gut? Was stört dich? - Welche Bedeutung hat das Publikum? Willst du den Zuschauern eine Botschaft nahe bringen?
--> Spaß/ Spaß am Spiel - Entlastung vom Alltag
--> Verwandlung in andere Rollen, Charaktere
--> Möglichkeit zum Probehandeln
--> Teilhabe an der Kunst – Bedürfnis nach kulturellem Schaffen – Teilhabe an künstlerischen Spezifika des Theaterspielens - Teilnahme am künstlerischen Prozess – Entwicklung künstlerischer Fähigkeiten wie Umgang mit Text – Rollenstudium – Rollenfindung ... – Arbeit an sich selbst
--> Betonung der Magie, des Zaubers von Theater
--> Erwerb von Anregungen und neuen Sichtweisen durch Theater/ durch die Mitwirkung in der Theatergruppe
--> Entwicklung der Kreativität im theatralischen Lernen
--> Persönliches Wachstum – Selbstbestätigung – Registrieren einer positiven Veränderung, auch durch Erlebnis von Anerkennung durch andere
--> Betonung des besonderen Gruppengefühls, der Gruppenatmosphäre, der Gruppenzusammensetzung und sonstiger Spezifika
--> Möglichkeit, Freunde zu gewinnen
--> dem Publikum etwas geben wollen: Freude – Unterhaltung – Spaß, auch: Botschaften, Anregung zum Nachdenken – Aufrütteln
--> Betonung des Kontakts mit dem Publikum – sich einem Publikum präsentieren – mit dem Publikum spielen

Aussagen zur Identität und Persönlichkeit, zu persönlichem Wachstum
Fragen: Hast du das Gefühl, dass du dich selbst durch Spiel besser kennen gelernt hast? - Hast du an dir neue Fähigkeiten entdeckt? – Gibt es Eigenschaften von dir, die sich deiner Meinung nach geändert haben, seitdem du Theater spielst? – Siehst du sonstige Auswirkungen des Theaterspielens auf dein sonstiges Leben/ Lebensgefühl? – Hast du den Eindruck, Theaterspielen hilft dir dabei, deinen Lebensalltag eher deinen Absichten entsprechend zu gestalten, dein Leben besser "in den Griff zu kriegen"? – Oder hat sich das nicht geändert?
--> gesteigerte Emotionalität
--> Wahrnehmung von Grenzen und die Erweiterung - Überschreitung von Grenzen
--> gestärktes Selbstvertrauen - größeres Selbstbewusstsein
--> gesteigerte Sensibilität, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit für sich selbst - den eigenen Körper besser kennen lernen
--> größere Offenheit - mehr Lockerheit, mehr Mut und Zutrauen in sich selbst - schwindende Verklemmtheit
--> verstärkte Selbstbestimmtheit und Autonomie – erworbenes "Rückgrat" - absichtsvolle Lebensgestaltung
--> gesteigerte Initiativkraft und allgemeine Aktivität
--> gesteigertes Erleben von Kreativität/ Phantasietätigkeit - Steigerung der (theatralen) Ausdrucksfähigkeit
--> größere Spontaneität und Impulsivität
--> allgemein gesteigerte Zufriedenheit mit sich selbst, mehr Einverständnis, größere Akzeptanz seiner selbst
--> Wahrnehmung von / Einsehen der Notwendigkeit von Disziplin, Ausdauer, Ernsthaftigkeit, Konzentration, Ruhe, Zurückstellen spontaner Bedürfnisse
--> Eingestehen der eigenen Eitelkeit, Wahrnehmung des Bedürfnisses, im Mittelpunkt, im Rampenlicht zu stehen
--> verstärkte Reflektiertheit und Nachdenklichkeit, vermehrte Fähigkeit zur Selbstkritik
--> kathartische Wirkung des Theaterspielens: Möglichkeit der Abreaktion von Spannungen, Lösung von Problemen/ Konflikten durch Spielen, Erlebnis von Beruhigung und Ausgleich durch Spiel – therapeutischer Effekt

Erleben von Glück
Fragen: Macht Theaterspielen glücklich? Hast du schon einmal Glücksgefühle gehabt beim/ durch Theaterspielen? – Wann treten sie auf? Kannst du das näher beschreiben?
--> Stress – Spannungslösung – Lampenfieber löst sich in angenehme Spannung auf
--> Flow – intuitives Erkennen – Eustress - ein Gefühl von Freiheit beim Spielen – mit der Rolle eins sein - es klappt! – es ist wunderbar!
--> Betonung des Gemeinschaftserlebnisses – Hochgefühl aufgrund der Zusammenarbeit in der Gruppe
--> Stolz auf Geleistetes
--> positive Publikumsreaktion - Applaus


Rollenspiel als Probehandeln
Fragen: Gibt es Dinge, die du zuerst beim Theaterspielen und dann "im Leben" ausprobiert hast? - Kannst du Fähigkeiten, die du im/ durch Theaterspielen erlernt hast, ins "richtige Leben" übertragen? – Hat das Theaterspielen weitere Auswirkungen
auf dein Leben gehabt?
--> erweitertes Rollenrepertoire
--> gesteigerte Empathie mit anderen Menschen in anderen Situationen
--> Transfer von im Theater/ durch Theaterspielen erworbenen individuellen Fähigkeiten in den Alltag
--> Thematisierung des eigenen Lebens und Entwurf von Gegenwelten im Theater, Experimente, Utopien

Veränderte Lebensgestaltung
Frage: Bewirkt das Theaterspielen/ die Mitwirkung in der Theatergruppe eine Veränderung deiner alltäglichen Lebensgestaltung
--> Veränderung wird konstatiert

Kommunikation mit dem sozialen Umfeld
Fragen: Haben sich dein Verhalten und dein Verhältnis zu den wichtigen Menschen in deinem Leben verändert, seitdem du Theater spielst? - Haben sich deren Verhalten und Verhältnis zu dir verändert?
--> Verbindung des Theaters mit Verantwortlichkeit und dem Anspruch auf einen Beitrag zu einem "guten, gelingenden Leben"
--> Veränderung des sozialen Beziehungsgeflechts, der sozialen Gruppenorientierung bezüglich der Kontakte sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gruppe
--> erweiterte soziale Kompetenzen wie Toleranz, Solidarität, Verantwortungsübernahme, Kompromissbereitschaft


7.2 Beispielhafte Zitate (Namen geändert)

Ich mag den Geruch von Theater, aber die reine Theaterwelt ist nicht mein Ding.
Lis, 21 Jahre

Bis zu meinem Tode wird keiner erleben, dass ich aufhöre, Theater zu spielen.
Stella, 16 Jahre

Die N.N. (Theaterpädagogin) ist gleichzeitig auch so eine Art Freundin, die hat einem zugehört, und die hat selbst Probleme.
Marianne, 19 Jahre

Zwar ist man irgendwie eine Person, aber man kann sich andauernd verstellen.
Andrea, 17 Jahre

Theaterspielen hat mich wirklich vor Vielem bewahrt, das war wirklich eine Ablenkung, denn mein Leben lief auch nicht gerade immer sehr positiv.
Andrea, 17 Jahre

Ich spiele schon Theater, seitdem ich denken kann.
Peggy, 18 Jahre

Wenn ich in eine andere Rolle gehe, das ist irgendwie Urlaub von mir selbst.
Samantha, 17 Jahre

Es ist für mich schon wichtig, die Botschaft zu vermitteln: Versucht, ihr selber zu sein, versucht rauszufinden, was ihr selber wollt, versucht es irgendwie zu leben, auch wenn's schwierig ist.
Samantha, 17 Jahre

Theater vermittelt das Schöne, im Theater gibt's schöne Bilder, es bringt die Schönheit in die Welt: schöne Formen, schöne Bewegungen, das ist vielleicht wichtiger als eine soziale Aussage. Daran kaputt gehen tut der Mensch, dass es ihm an Schönheit mangelt, wenn er nur dieses Grau vor sich hat.
Alrune, 18 Jahre

Ich hab seit Jahren nicht geweint, also, ich denke, ich kann nicht gut weinen. Aber hier, also, hier will ich das wieder lernen.
Mirek, 28 Jahre

Auf der Bühne, da hab' ich Macht, weil da alle auf einen gucken. Es macht schon viel Spaß, wenn man die Leute zum Lachen bringen kann und zum Trauern.
Jasper, 14 Jahre

Am Anfang ist man angespannt. Und wenn man dann merkt, die Leute lachen, die machen genau das, was man sich erhofft hat, dann kommt man ins Spielen rein, das ist super! Da empfindet man eigentlich nur seine Rolle, die man spielt. Man empfindet für sich selber eigentlich kaum noch was, außer wenn die Leute lachen, da ist man kurz aus seiner Rolle raus – da muss man genießen! Aber sofort bin ich wieder drin, auf jeden Fall.
Jasper, 14 Jahre

Im Theater habe ich zu meinem wahren Ich gefunden – einerseits noch aufgedreht, andererseits aber auch ruhig, sagen wir mal: mütterlich.
Birthe, 18 Jahre

Ja, Freiheit, und einfach dazustehen und zu sagen: Jetzt bin ich der Mittelpunkt – nachher bin ich's nicht mehr – aber im Moment bin ich der Mittelpunkt, und jetzt kann ich das zeigen, was ich möchte.
Hannelore, 18 Jahre
Was ich dem Publikum sagen will? Dass das Leben eine Sinn hat, dass man nicht alles verschwenden soll. Auch wenn man Probleme hat, dass man nicht aufgeben soll, dass man weiterkämpfen soll und so.
Svenja, 14 Jahre

Ja, nach dem Abi will ich zur Schauspielschule. Aber ich will auch noch einen anderen Beruf finden, dass ich was gelernt hab'.
Svenja, 14 Jahre

Was ich gut finde an der Gruppe? – Dass ich mich verändere.
Samantha, 17 Jahre

Am Anfang lief's noch ein bisschen zögernd, aber nach ein paar Minuten, da bist du richtig mit deiner Rolle identifiziert. Du bist dann sozusagen der, den du spielst. Da muss man gar nicht mehr nachdenken.
Rinaldo, 15 Jahre

Also, wenn ich Theater spiele, da reagiere ich mich irgendwie ab. Die aufgestaute Kraft von der ganzen Woche, die geht da weg. Da power ich mich halt ab.
Rinaldo, 15 Jahre

Theater, das kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Einerseits eine Erlösung von dem ganzen Druck, andererseits eine Erfüllung. Es macht einen einfach glücklich.
Birthe, 18 Jahre

Ich hab sehr schwere Krisen durchgemacht in meinem Leben, sehr schwere, und ich denke, ohne das Theater würd's mich jetzt wahrscheinlich nicht mehr geben. Das sag ich ganz ernst, weil ich mehrere Suizidversuche gemacht habe, und das Theater war immer eine Sache, wo ich mich festhalten konnte und neue Kraft schöpfen konnte, und das hat mir sehr geholfen.
Egbert, 23 Jahre

Theater kann wahnsinnig glücklich machen: Man schaltet von der Realität ab und taucht in eine Phantasiewelt ein. Man traut sich dort Dinge zu machen, die man im richtigen Leben nicht machen würde.
Susanne, 15 Jahre

Ich habe Geduld gelernt und Ruhe und weiß, wofür das gut ist... Diese Veränderungen wären vielleicht auch ohne Theater gekommen, vielleicht etwas später, aber ich bin froh, dass sie durch's Theater gekommen sind.
Pandora, 16 Jahre

Theater ist mein Hobby, und ich kann nichts dagegen tun. Ein Freund oder eine Freundin kann nicht von mir verlangen, es sein zu lassen.
Pandora, 16 Jahre

Man sollte ein Erlebnis vermitteln, dass die Leute merken: Theater kann schöner sein als Fernsehen. Man muss den Leuten zeigen, dass Theater toll ist und nicht untergehen darf. Die Leute müssen sagen: Mensch, toll, dass Jugendliche noch so eine Leistung bringen können, dass die Jugendlichen nicht nur rumstehen und irgendwelche Leute anpöbeln und so.
Pandora, 16 Jahre

Ich find's wichtig, dass die Leute Spaß haben und genießen, dass traurige Menschen von alltäglichen Problemen abgelenkt werden und glücklich sind. Vielleicht sehen die Leute (im Theater) dann, dass es auch noch schlimmer kommen kann. Und wenn sie darüber dann lachen können, das finde ich gut.
Svesdana, 15 Jahre

Das sind die zwei Seiten einer Medaille: Im Theater lernt man Gefühle auszudrücken, und dann kann man anderen was vorspielen.
Raoul, 17 Jahre

Das ist im Theater anders als in den anderen Künsten: Man erlernt Teamfähigkeit und miteinander kommunizieren zu können. Man lernt Kritik einzustecken; man lernt im Theater für das soziale Leben hinzu.
Anne, 22 Jahre

Wenn ich in der Rolle bin, dann bin ich für mich. Dann merke ich das Publikum gar nicht, dann gehe ich in der Rolle auf.
Anne, 22 Jahre

Im Theater kann man Sachen ausprobieren. Da kann man jemand anders sein, ohne jemandem wehzutun.
Sigi, 32 Jahre

Glücksmomente? – Ja, auf jeden Fall. Wir haben schon mal ein müdes Publikum zum Singen gebracht.
Sigi, 32 Jahre

Ich denke, ich bin, je mehr ich Theater mache, eher weniger selbstbewusst, weil ich so meine eigenen Maschen entdecke. Ich sehe, wie ich was mache, ich sehe, wenn ich schon mit Show anfange, bevor ich jemanden richtig kennen gelernt habe. Ich entdecke Verteidigungsstrategien, und das sieht dann nicht mehr ganz so glatt aus, wenn man das Gerüst auch sieht. - Wenn das Wissen darüber wächst, kann das auch verunsichern.
Sigi, 32 Jahre

Also, Leute anfassen habe ich, glaube ich, beim Theater gelernt. Also, Körperkontakt, auch zu Männern. Bei uns in der DDR war das nicht so üblich, dass ein Mann dem anderen die Hand auf die Schulter legte.
Sigi, 32 Jahre

(auf die Frage, ob er in der Zeit, in der er Theater spielt, zufriedener oder unzufriedener geworden sei:) Vielleicht ist meine Unzufriedenheit differenzierter geworden.
Sigi, 32 Jahre

Eine Botschaft ist wichtig, auf alle Fälle, sonst ist das Stück nichts wert.
Naomi, 17 Jahre

In Theatergruppen sind die Menschen aufgeschlossener, interessanter. Zwischenmenschliche Kontakte sind hier eher ein Miteinander.
Maria, 18 Jahre

Na klar, das Leben ist chaotischer geworden, weil so viel drum rum passiert, - aber auch interessanter!
Maria, 18 Jahre

Man kann nichts falsch machen.
Wiltrud, 16 Jahre

Theater kann heilen durch die intensive Auseinandersetzung mit der Rolle, denn das ist immer eine Auseinandersetzung mit mir selbst.
Alrune, 18 Jahre

Man kann im Theater sehr viel Erfahrungen sammeln mit Leuten, mit denen man normalerweise gar nichts zu tun hat.
Liane, 14 Jahre

Ich möchte nur ungern was Böses spielen.
Liane, 14 Jahre

Ich habe mal geweint bei einer Übung, ich weiß gar nicht mehr warum. Aber es hat mich glücklich gemacht in dem Moment.
Volker, 21 Jahre

Ich sag zum Publikum: Ich hab das und das gelernt. Glaubt ihr denn nicht auch, das es so ist? – Das ist ja das Theater!
Volker, 21 Jahre

Ich bin ein sehr reflektierter Mensch, und das Theaterspielen erleichtert mir das Denken.
Egbert, 23 Jahre

Beim Theaterspielen wird trainiert, selbstbewusster zu werden.
Karl, 15 Jahre

Theater kann manchmal so glücklich machen, dass man es kaum noch aushält mit dem Applaus und allem. Wenn man sieht, dass man was geschafft hat, und das Stück ist was, da ist was von mir drin..., wenn viele Leute auf einen zukommen und sagen, wie toll es war...
Frauke, 18 Jahre

Ich hab gelernt, über mich selbst nachzudenken, über mich zu lachen und mich selbst nicht so ernst zu nehmen.
Egbert, 23 Jahre

Manchmal sind da Situationen, von denen glaubt man, dass man damit gut umgehen kann, und dann trifft's einen doch im Kern...
Frauke, 18 Jahre

Ich wollte mal richtig Theater spielen, nicht so wie in der Waldorffschule.
Sandra, 13 Jahre

Wenn man nicht gut drauf ist und geht dann zum Theaterspielen und geht in eine ganz andere Rolle hinein und kann sich so abreagieren und hat sich's so runtergespielt, das macht dann glücklich.
Sieglinde, 15 Jahre

Wäre ich ins Fitness-Studio gegangen, hätte ich nur was für mich gemacht. Wäre ich in einen Sportverein gegangen, hätten wir nicht so viel geredet, nicht so tolle Gespräche gehabt.
Marianne, 19 Jahre

Wenn die Leute glückliche Gesichter haben und klatschen, klatschen, dann bin ich auch glücklich.
Andrea, 17 Jahre

Sagen wir mal so: Ich bin von Haus aus ein Künstler und ich spiel' gern Theater. Ich spiel' eigentlich nur Theater. Sagen wir mal so.
Dieter, 16 Jahre


1: J. Weintz: Theaterpädagogik und Schauspielkunst, Butzbach 1998, S. 273
2: H. Buhse, Th. Niemeyer: Rechtsextremistisch motivierte Gewalt – eine Herausforderung an die pädagogische
Weiterbildung; in: W. Schubarth, W. Melzer (Hg.): Schule, Gewalt und Rechtsextremismus,
Leverkusen 1993; zit. nach Abstracts der Datenbank Solis/ TU Berlin
3: U. Kreuser: Kunst – Theaterspiel – Persönlichkeitsentwicklung in der Geistigbehindertenpädagogik, in:
Geistige Behinderung, Heft 3, 1997; zit. nach Abstracts der Datenbank Solis/ TU Berlin
4: M. Frank: Die Spieler und ihr Spielprodukt, in: E. Lippert (Hg.): Theater spielen, Bamberg 1998, S. 117
5: J. Weintz ebd., S. 260
6: vgl. H. Hoppe, Theaterspielen als pädagogischer Erfahrungsraum, in: K.J. Kreuzer (Hg.): Handbuch
der Spielpädagogik, Band 3, Düsseldorf 1984, und H. Hoppe: Theater als Lernform, in Spiel und Theater,
Weinheim 1985; zit. nach J. Weintz, ebd., S. 275f
7: U. Hentschel: Theaterspielen als ästhetische Bildung, Weinheim 1996
8: U. Hentschel, a.a.O., S. 244ff
9: Tätigkeits- und Geschäftsbericht der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung 1997, S. 44
10: ebd.
11: Chr. Chaib: Ungdomsteater och personlig utveckling. En pedagogisk analys av ungdomars teaterskapande,
Göteborg 1996. - Die Arbeit wurde uns bekannt, als unser Projekt bereits angelaufen war.
12: ebd., S. 253ff
13: vgl. W. Schmid: Philosophie der Lebenskunst, Frankfurt/ Main 19982, S. 199, 301
14: vgl. W. Schmid: Eine reflektierte Kunst des Lebens – Lebenskunst nach der Postmoderne, in: Korrespondenzen
Heft 37, 2000, S. 17
15: M. Csikszentmihalyi: Flow - Das Geheimnis des Glücks, Stuttgart 1992
16: W. Schmid 19982, S. 314
17: ebd., S. 315
18: siehe z.B. Jahresbericht der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung 1997, S. 44 f
19: vgl. ebd., S. 44
20: J. Jenisch, Ich selbst als ein anderer. Der Darsteller und das Darstellen, 1996
21: M. Jahnke, zit.n. Jugendclubs an Theatern, Dokumentation des 7. Bundestreffens am Theater im
ZENTRUM, Stuttgart 1997, S. 7
22: Vgl. z.B. Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, ebd.
23: J. Weintz, a.a.O., S. 273
24: vgl. etwa H. Hoppe, a.a.O., S. 313ff; J. Weintz, a.a.O., S. 276; Chr. Chaib, a.a.O., Summary, S. 260
25: vgl. z.B. Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, a.a.O., S. 44
26: gl. z.B. Jugend 2000, 13. Shell-Studie, Opladen 2000, S. 155
27: z.B. W. Schmid 2000, a.a.O., S. 22
28: U. Baer: Lebenskunst lernen, in: Lernziel Lebenskunst, Band 49 der Schriftenreihe der Bundesvereinigung
Kulturelle Jugendbildung, Remscheid o.J., S. 45 f
29: W. Schmid 2000, S. 20ff
30: U. Ott: Im Land der Infantilen, DIE WOCHE, 28. 8. 1998
31: Opladen 2000, S. 23ff
32: compact Nr. 4: Lebenskunst, Weinheim o.J.
33: ebd., S. 87


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